Buchbesprechung: "Praxis" von Massimo Mangialavori

von Richard Moskowitz

 

"Praxis", Massimo Mangialavoris neuestes Werk, ist eine gute Medizin für alle Homöopathen. Schon allein durch das Lesen für die Buchbesprechung hat es meine Praxis bereichert und verbessert. Es ist sehr einfühlsam und mit viel Liebe zum Detail geschrieben, und verlangt eine vergleichbare Intelligenz beim Leser. Vor allem ist es eine Philosophie, die mit den Grundlagen beginnt und diese für die Bedürfnisse unserer Zeit neu gestaltet, auf eine Art und Weise, die sowohl logisch als auch praktisch Sinn macht. In meinen Augen ist das keine geringe Leistung, denn ich habe so lange praktiziert und so oft die gleichen Fehler gemacht, dass jeder Versuch, mich zu irgendeiner Veränderung zu bewegen, bei mir auf ernsthaften Widerstand stößt.

Vielleicht bedarf die Formulierung „ es ist ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen“ weiterer Klärung. Kann es ein Vergnügen sein, jeden Schritt unserer Arbeit und jede Begründung für unser Denken neu zu prüfen? Oder macht es etwa Spaß, die Unzulänglichkeiten unserer früheren Ausbildung und die schlechten Gewohnheiten, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie hatten, unter die Nase gerieben zu bekommen? Glücklicherweise ist es die Art von Medizin, die wir alle brauchen, weil sie uns lehrt, was wir schon wissen und zu dessen Wahrheit wir uns bekennen. Wir können uns nur noch nicht vorstellen, wie wir unser Ziel  erreichen sollen, oder wir sind einfach nur zu faul oder zu selbstgefällig geworden, um diese Anstrengung auf uns zu nehmen.

Auch das, was besonders innovativ oder umstritten ist, ist fest verwurzelt in der homöopathischen Philosophie, die wir alle teilen, in der festen Überzeugung, dass diese Geschichte das Beste ist, was die Wissenschaft und das ganzheitliche Denken zu bieten haben. Da Sie sich also entschlossen haben, diese Medizin einzunehmen, versichere ich Ihnen, dass sie gut schmeckt und Sie sich nicht den Magen daran verderben werden.

Massimo ist selbstverständlich überall bekannt und wird von vielen Homöopathen wegen seiner hervorragenden Kurse in Italien sehr geschätzt. Sie sind die praktische Grundlage seiner Seminare über die Materia medica und seiner wachsenden Zahl von Veröffentlichungen. Das  vorliegende Werk beinhaltet die gesamte Darstellung seiner Theorie. Es beginnt mit der Methodik, dann folgt ein Überblick über die „Drogen“-Familie und ihre wichtigsten Themen.  Das Buch schließt mit anschaulichen Falldarstellungen im Zusammenhang mit sechs Drogenmitteln, von denen die meisten noch wenig bekannt sind.

Der Untertitel des Buches „Der tiefere Zusammenhang der Symptome“ weist bereits auf das Ziel seiner Ausführungen hin: einen tieferen, sinnvollen Zusammenhang, eine noch bedeutsamere und aussagefähigere Ähnlichkeit zwischen Heilmittel und Patient aufzuspüren, als sie in einem Repertorium zu finden sind, in dem die Symptome ja nur ohne direkten Bezug zum Patienten aufgelistet sein können. So passen alle verschiedenen Symptom-Elemente wie Puzzleteile ineinander und lassen sich aus einem integrativen Ganzen, ähnlich der „Essenz“, die Kent, Vithoulkas, Scholten und Sankaran auch gesucht haben und immer noch suchen, ableiten. Massimos persönliche Art, diese Einheit zu entdecken, zu beschreiben und zu verstehen, ist zweifellos einzigartig.

Wegen der begrenzten Zeit und aus Platzgründen werde ich einfach ein paar Highlights herausstellen, die mir beim Lesen besonders interessant und anregend erschienen sind. Ich liebe die Art, wie er mit der Signaturenlehre beginnt und sogar mit den Fundamentalisten z.B. darin überein zu stimmen scheint, dass eine triviale Ähnlichkeit wie die gelbe Farbe von Chelidonium und die der Galle keiner echten Übereinstimmung entsprechen. Dies hängt jedoch ausschließlich mit seinem Interesse an den tiefsten Sinn-Ebenen zusammen, also  genau dem Thema, das die alte Schule zu klären vermeidet. Massimo begreift jedes Mittel aus seinem Kern heraus als ein einzigartiges System der Anpassung an seinen natürlichen Lebensraum, wobei er sowohl die physikalisch-chemische Ebene als auch das Reich der Mythen mit einbezieht, wie es nach den altehrwürdigen Traditionen in Volkstum und Medizin angemessen ist.

Manchmal können einem diese vielschichtigen Zusammenhänge und Resonanzen untereinander fast gespenstisch erscheinen. Seit meinem ersten Homöopathie-Kurs habe ich zum Beispiel oft darüber nachgedacht, dass unser größtes Schlangenmittel nach Lachesis benannt ist, einer der drei griechischen Göttinnen, die den Lebensfaden spinnen, und an die geradezu unglaubliche Konstellation, dass Hering, der das Gift im Jahr 1828 als Erster  nachgewiesen hatte, am zweiundfünfzigsten Jahrestag dieses Ereignisses starb, fast auf den Tag genau. Signaturen dieser Art sind mit sehr bedeutungsvoll, weil sie tief in die Geschichte unserer Kultur eintauchen, und Dinge, die auf den ersten Blick wie voneinander unabhängige Details erscheinen, zu einem unausweichlichen und überzeugenden Schicksals-Teppich verweben.

Massimos „komplexe Methode“ wird so genannt, weil er hier so unterschiedliche Bereiche wie Anthropologie, Volksmedizin, Physiologie, Biochemie, Toxikologie, klassische Homöopathie und die Kunst der klinischen Medizin umspannt und miteinander verbindet und uns damit zeigt, dass man aus der Kenntnis der menschlichen Natur mehr lernen kann als aus Büchern.

Vor allem durch diesen multikausalen Ansatz unterscheidet er sich von anderen Lehrern. Er sucht auf vielen unterschiedlichen Ebenen nach Resonanz und Bestätigung und besteht darauf, dass keine Methode der Fallaufnahme oder Mittelprüfung immer funktionieren müsse. Die Homöopathie sei eine Kunst, die mit jedem Fall neu erlebt werden wolle und niemals abgeschlossen sei.

Im Gegensatz zu den geheiligten Wahrheiten, die wir alle gelernt haben, besteht seine erste große ketzerische Behauptung darin, dass Prüfungen nicht die beste Quelle für das Studium der Materia medica seien, weil sie lange Listen von detaillierten Symptomen liefern, während der Homöopathie-Schüler vor allem wissen muss, wie wichtig jedes Symptom für die Verschreibung eines Mittels ist. Verlässliche Informationen, die für eine Verschreibung angemessen sind, erfordern daher ein System, das die Daten organisiert und Prioritäten setzt. Mehr als jeder andere führende Lehrer heute bevorzugt Massimo für diesen Zweck geheilte Fälle, da sie allein eine ausreichende Vielfalt bieten, um die Zusammenhänge zwischen der Gesamtheit des Mittels und der Gesamtheit des Patienten zu vernetzen; um die Fäden, die ihn zur Verschreibung führten, zu verbinden und analoge Situationen bei anderen Patienten zu erkennen, die das gleiche Mittel brauchen. Solche Verbindungen nennt er „Themen“, und aus ihnen baut er seine Materia medica auf.

Meine klinische Erfahrung hat mir – wie gewiss auch vielen anderen Homöopathen – etwas gezeigt, was nur selten laut gesagt wird. Mich erinnert dieser kleine Ikonoklasmus an die Zeit, als ich häufig zu Hausgeburten gerufen wurde. Wie oft habe ich den Kopf geschüttelt über Cimicifuga und seine unkörperliche Rubrik „Angst vor Wahnsinn“, das schien nie zu meinem Fällen zu passen.

Aber als eine meiner Patientinnen ihre 42 Wochen ohne vorzeitige Wehen durchgehalten hatte, veranlasste sie der drohende Krankenhausaufenthalt, mir von ihren früheren Fehlgeburten und der darauf folgenden Ausschabung, dem schlimmsten Erlebnis ihres Lebens, zu erzählen. Schreckliche Vorstellungen quälten sie und sie glaubte, je intensiver die Wehen seien, desto größer sei die Gefahr, dass die Schmerzen sie um den Verstand bringen könnten oder dass sie „überschnappen“ würde, d.h. in einen Zustand seelischer Auflösung geraten könnte, von dem sie sich nie wieder erholen würde.

Ein paar Tage später erschien sie dann wieder in meiner Praxis und der Geburtsvorgang hatte  bereits begonnen. Ihr Blick war wild und sie schien völlig außer Kontrolle geraten zu sein, wie sie es vorhergesehen hatte: sie sprach nur noch unzusammenhängend, ihre Bewegungen waren abrupt und unkontrollierbar und sie befand sich insgesamt in einem erbärmlichen,  Mitleid erregenden Zustand.

In diesem Augenblick verstand ich nicht nur die Rubrik und ihren Mangel an Vertrauen zu mir, sondern auch die Beziehung vieler ihrer körperlichen Symptome im Hinblick auf das Mittel, so dass auch ich um ihre geistige Gesundheit zu fürchten begann. Obwohl sie während der gesamten Geburtsphase ein psychotisches Verhalten zeigte, besserte sie sich rasch nach zwei oder drei Gaben von Cimicifuga C 200, gebar auf normalem Wege und erholte sich wieder vollständig. Aus diesem eindrucksvollen Fall habe ich gelernt, Cimicifuga vielen meiner Patientinnen zu verschreiben, und ich erzielte glänzende Ergebnisse .

Massimos Kriterien, einen Fall als „geheilt“ anzuerkennen, sind so streng, dass viele der Erfolge, die wir gerne auf Konferenzen berichten, seinen Erwartungen bei weitem nicht entsprechen würden.

Bei chronischen Erkrankungen akzeptiert er ein Mittel erst nach einem Follow-up von mindestens zwei Jahren (oder mehr) als Simillimum. Während dieser Zeit sollte das Mittel weiterhin zur Genesung beigetragen haben und sich als nützlich bei der Überwindung akuter Zustände erwiesen haben, die sich in der Zwischenzeit unabhängig von der chronischen Erkrankung entwickelt haben, sogar bei Verletzungen und anderen alltäglichen Beschwerden anstelle der sonst üblichen Erste-Hilfe-Mittel.

Themen und Motive, die aus geheilten Fällen zu Tage treten, bieten einen idealen Rahmen für die Sichtung von Patientendaten, die dann verwendet werden können, um Thesen zu bestätigen, zu widerlegen oder zu ändern. So wird das Studium der Materia medica (und ihre Vervollständigung) zum kontinuierlichen Prozess der Integration und ist nicht länger ein  routinemäßiges Auswendiglernen. Die langfristige Folge ist eine Neufassung und Re-Organisation des Repertoriums auf thematischer Basis, eine monumentale Aufgabe, die zumindest den gemeinsamen Einsatz einer ganzen Generation engagierter Homöopathen erfordern wird.

 

Urheber: Holger Ellgard / Wikipedia

Besonders gut gefiel mir der Fall eines Patienten mit einer Leidenschaft für Spielzeugeisenbahnen, der durch Allium sativum geheilt wurde. Mit Hilfe dieses Falles pflegt Massimo zu veranschaulichen, wie ein Symptom zu klären sei, das heißt, wie man ihm Sinn verleiht durch Ableitung aus einer bestimmten Thematik oder indem es selbst als Thema neu definiert wird.

So erscheinen im Zusammenhang mit dem Hobby dieses Patienten in „Symptom-Sprache“ Rubriken wie „Leidenschaft für Modellbau“ oder „spielt vor dem Abendessen mit Spielzeugeisenbahnen“ auf den ersten Blick als mögliche Kandidaten, da sie nach der Arzneimittelgabe zusammen mit anderen Krankheitssymptomen verschwunden waren. Dies ist genau die Art von quasi-objektiven, „wertneutralen“ Beobachtungen, mit denen unsere Repertorien voll gestopft sind. Letztlich fand er sie jedoch irreführend, weil sie allzu sehr ins Detail gingen und so die tiefere Bedeutung verschleierten, die sinnvolle Analogien für ähnliche Fälle hätte aufzeigen können. Diese Überlegung veranlasste ihn, das Mittel der Rubrik “kindisch“ zuzuordnen, womit er sie zu einem Thema erhob. Dadurch wurde es möglich, andere Patienten mit entsprechend aufwendigen Hobbys zu erkennen und zu heilen.

Ein weiteres faszinierendes Highlight ist für mich, wie er die Themen definiert und unterscheidet. Was er „charakteristische“ Themen nennt, sind Unterscheidungsmerkmale des Mittels. Sie treten oft auf, aber nicht immer; entweder, weil sie auf bestimmte Lebensphasen oder Krankheitsstadien beschränkt sind, wie z.B. die akute Entzündung bei Belladonna, die typischerweise in der Kindheit vorkommt; oder es handelt sich um Gegensätze, die - je nachdem, ob sich der Patient in einem kompensierten oder dekompensierten Zustand befindet - auftreten können. „Fundamentale“ Themen sind hingegen entscheidende strukturelle Komponenten, die vorhanden sein müssen, auch wenn sie nicht immer leicht zu erkennen sind. Sie bilden den Kern bzw. die ultimative Basis der Ähnlichkeit. So erweist sich das Thema „Isolation“ bei Camphora als grundlegend für alle „Drogen“-Mittel, während die „Kälteempfindlichkeit“, das bekannteste Leitsymptom, nur für die extremsten bzw. schwer dekompensierten Fälle charakteristisch ist; ein typischer kompensierter Patient würde eher dazu neigen, der Kälte zu trotzen.

Diese Art von unverzichtbarem praktischem Wissen ist in jedem Kapitel zu finden, und das macht den Charme des Buches aus. Seine Erläuterung der Themen ist meisterhaft und vergleichsweise leicht verständlich. Dennoch wirkt die Entdeckung der Themen beim Lesen viel einfacher, als sie sich dann für jemanden gestaltet, der versucht, diese Ideen zum ersten Mal umzusetzen. Auf jeden Fall ist es offensichtlich, dass die umfangreiche Repertorien-Arbeit, auf deren Basis Massimos Ansatz fußt, nur durch MacRepertory und Reference Works, die Computer-Software, die er benutzt und der er regelmäßig den verdienten Tribut zollt,möglich wird.

Massimos Methode gipfelt in seinem Konzept der homöopathischen Familie. Genau hier ist  der Punkt, wo er mit seiner Methode den Methoden von Sankaran und Scholten am nächsten kommt und wo er sich gleichzeitig am deutlichsten von ihnen unterscheidet. Während Sankaran und Scholten homöopathische „Arzneimittelfamilien“ taxonomisch nach ihrem Platz in der Natur klassifizieren, besteht Massimo auf einem Klassifizierungssystem, das sich  ausschließlich auf die homöopathischen Merkmale der Mittel bezieht.

Oftmals beginnt er taxonomisch, er hat einen Verdacht, der z.B. durch das Versagen einer Therapie mit einem der bekanntesten Vertreter einer biologischen oder chemischen Gruppe, meist einem Polycrest - wie Lachesis als Schlangenmittel - entsteht. Doch der nächste Schritt, der die Analyse auf ein paar andere taxonomisch damit zusammenhängende Mittel, wie Crotalus, Naja, und Bothrops ausdehnt, verlangt eine exakte homöopathische Bestimmung auf der Basis der grundlegenden Themen, die alle diese Mittel gemeinsam haben. Durch die Erkenntnis dieser grundlegenden Themen wird es möglich, andere Mittel, die taxonomisch von der Gruppe unabhängig sind - oftmals „kleine“ oder zumindest ungewohnte und in der Literatur unterrepräsentierte Mittel – der Familie hinzuzufügen.

Dieselbe Idee trägt Früchte für die „Zweitverordnung“, wenn ein Mittel über einen Zeitraum von mehreren Jahren geholfen hat, dann aber nicht mehr wirkt und daher gewechselt werden muss. In meiner früheren Ausbildung auf der Grundlage von Kent und seinen Nachfolgern war dies ein klares Signal für eine Wiederaufnahme des Falles und eine Neuverordnung, aber nicht unbedingt für ein ergänzendes Mittel. Doch wenn die großen Themen noch im Patienten weiter wirken, wie man es bezüglich der Dauer und Kraft einer Heilreaktion erwarten sollte, spricht Massimos Familienkonzept nachdrücklich für die Wahl eines weiteren Heilmittels aus der gleichen Familie - eine Strategie, die er offensichtlich mit großem Erfolg einsetzt.

Im Band II bewundere ich, wie Massimo seine Patienten dazu kriegt, sich ihm so offen anzuvertrauen, wie sie es tun, wie sie ihm ihre tiefsten inneren Wahrheiten verraten. Weil uns das nicht ebenso gelingt, üben wir oft ersatzweise Kritik an der Methode, nur um Zeit  zu schinden. Es ist das Geheimnis der Fallaufnahme, was die wirklich großen Homöopathen von denjenigen unterscheidet, die „nur“ kompetent sind. Dieses Geheimnis kann nicht auf theoretische Weise gelehrt werden, weil es die subjektive Erfahrung des Homöopathen als Mensch einschließt, nicht nur als Arzt, Wissenschaftler oder Heiler.

Die Methode der Komplexität zielt darauf ab, die Anpassungsstrategien und Abwehrmechanismen der Patienten herauszufinden. Man findet sie ebenso unter den körperlichen wie unter den geistig-seelischen Symptomen, so dass der Unterschied zwischen ihnen immer mehr verschwimmt. Die Idee dabei ist, den Patienten zu freiem Sprechen zu ermutigen, auch Momente des Schweigens zu ertragen und darauf zu vertrauen, dass der  Patienten sagen wird, was er zu sagen hat, ohne zu versuchen, ihn in eine bestimmte Richtung zu drängen. So finden wir die Themen heraus und damit auch die ganze Leidensgeschichte, wo auch immer der Patient uns hinführt, und dies ist wesentlich Erfolg versprechender, als mit einer Standardeinstellung einfach so viele Daten wie möglich anzuhäufen.

Die Fälle in Band II sind sehr gut präsentiert. Es ist ein Vergnügen sie zu lesen. Jedes Mittel wird mit einer kurzen wissenschaftlichen Abhandlung über seine Naturgeschichte, seine Verwendung in der Volksmedizin und seine pharmakologischen, toxikologischen und vor allem homöopathischen Eigenschaften eingeführt, so dass sich die Fälle vor diesem Hintergrund materialisieren. Diese kleinen „Juwelen“ sind  Materia medica-Literatur vom Feinsten. Die Fälle sind sehr einfühlsam aufgenommen und zeugen vom tiefen Vertrauen von Massimos Patienten zu ihrem Arzt. So verleihen sie der Methode, die er entworfen und ausgearbeitet hat, Leben. Viele Fälle sind mit Kommentaren von Dr. Giovanni Marotta versehen, Massimos langjährigem Mitarbeiter, Mentor und Freund - man kann fast sagen: seinem Alten Ego -, dessen eher nachdenklicher Stil gleichwohl perfekt auf die Methode abgestimmt ist, die sie beide geschaffen und entwickelt haben und die Arbeit in keiner Weise beeinträchtigt oder von ihrer Mission ablenkt, sondern sie auf seine Weise bereichert. 

Ich wünschte, ich könnte dasselbe über die Beiträge einiger anderer Autoren sagen. Der Schlussteil von Band I, Kapitel 1, ist z.B. eine gelehrte Abhandlung von Professor Alberto Panza, einem akademischen Kollegen von Massimo. Er versuchte, die Themen der modernen europäischen Philosophie, Wissenschaft und Kultur herauszufinden, die mit der homöopathischen Lehre vereinbar sind, ein herausragendes und ehrenwertes Unterfangen. Ich konnte nicht umhin, mich ein wenig enttäuscht und im Stich gelassen zu fühlen, weil sowohl der Text, als auch die Übersetzung, und sogar einige der zitierten Quellen in einer sehr technischen Terminologie verfasst sind, die schwer zu übersetzen und auch  ungewohnt für die meisten Leser ist, und außerdem zu abstrus, um sie wirklich zu verstehen.

Ein weiteres Beispiel ist das letzte Kapitel von Band I, das längste in dem Buch, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Lehren der modernen Psychologie für Homöopathen darstellt. Für die englische Ausgabe wurde diese wichtige Aufgabe von John Sobraske, dem Herausgeber, übernommen und mit Gründlichkeit ausgeführt. Im Vergleich zu Massimos engagiertem, prägnanten und Ziel orientierten Stil aber wirkt sie wie ein überlanger und langweiliger Exkurs, der für die Arbeit als Ganzes irrelevant ist. Andererseits ist Sobraskes Einleitung zu Band II (eine kurze Zusammenfassung von Band I) ausgezeichnet, gründlich, kompetent und leicht zu lesen. Meine einzige Frage ist nur, warum hier eine Kurzfassung für Leute präsentiert wird, die meinen, Band I auslassen zu können, obwohl dieser einige der besten Ausführungen über Homöopathie enthält, die ich je gelesen habe und es somit sehr schade und ein großer Fehler wäre, ihn zu übergehen.

Außerdem haben sich eine beachtliche Anzahl von Übersetzern und Lektoren an dem Buch beteiligt, einschließlich so engagierter Homöopathen wie Betty Wood, Krista Heron, Bill Gray und Maria Kingdon in Nordamerika sowie verschiedenen anderen in Großbritannien und Europa, und ihre Arbeit verdient aufrichtige Anerkennung. Doch ihre Aufgabe war einerseits fast entbehrlich angesichts von Massimos hervorragendem Englisch und andererseits  unglaublich schwierig in Bezug auf den dringenden Bedarf Prof. Panzas und seiner wenig attraktiven Thematik.

Das alles sind natürlich unbedeutende Spitzfindigkeiten. Der Hauptgrund für die Empfehlung dieser Bücher ist meine Überzeugung, dass sie die Art und Weise, wie Homöopathie gelehrt und praktiziert wird, verändern und letztendlich enorm verbessern werden, sowohl heute als auch in Zukunft.

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Praxis, Band 1 u. 2 von Massimo Mangialavori
Modena, Italien
284 bzw. 298 Seiten, Sonderpreis anstatt € 110.- nur € 78.-

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Kategorie: Buchbesprechung
Stichwort: Buchbesprechung

 




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