Hahnemann und die psychische Gesundheit

 
von Dr. Bernardo Merizalde
 

Hahnemann war ein Pionier auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit. Aus den Unterlagen  von Richard Haehl geht hervor, dass Hahnemann bereits im Jahr 1793 - zur selben Zeit, als Pinel die Ketten von Bicetre zerriss - begann, eine humanere Behandlung der Geisteskranken zu fordern.

Pinel wurde durch die vielen betroffenen Patienten und die Bedeutung der von ihm geleiteten Institution berühmt.

In der Irrenanstalt von Georgenthal bei Gotha in Deutschland behandelte Hahnemann Herrn Klockenbring, den Kanzleisekretär. Der Fall ähnelte einer akuten Manie. Zunächst beobachtete er den Fall und ordnete eine Behandlung an, die man heute als Ergotherapie bezeichnen würde.

Wir erfahren nicht, welche Arzneimittel gegeben wurden, aber wahrscheinlich waren es homöopathische Mittel, denn damals hatte Hahnemann gerade mit der Verkündung seiner Theorien begonnen. (Haehl, 1922)

1796 schrieb Hahnemann: „Der Arzt, der diese unglücklichen Menschen (die Geisteskranken) betreut, muss sich nicht nur Respekt verschaffen, sondern auch Vertrauen schaffen. Er wird sich nie gekränkt fühlen, weil jemand, der nicht richtig denken kann, unfähig ist, einen anderen zu beleidigen“. Das ist seine Meinung im Hinblick auf die Notwendigkeit einer therapeutischen Allianz und seine Empfehlung für den Umgang mit der Gegenübertragung.

In Bezug auf psychische Erkrankungen schreibt er im § 215 seines Organon: „Fast alle sogenannten Geistes- und Gemüths-Krankheiten sind nichts anderes als Körper-Krankheiten, bei denen das jeder eigenthümliche Symptom der Geistes- und Gemüths-Verstimmung, sich unter Verminderung der  Körper-Symptome (schneller oder langsamer) erhöhet und sich endlich bis zur auffälligsten Einseitigkeit, fast wie ein Local-Uebel in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemüths-Organe versetzt.“

Hahnemann war auch auf dem Gebiet der Psychosomatik ein Pionier. Er betrachtete den Menschen auf ganzheitliche Art und sah Geist und Körper als Einheit an, im Gegensatz zum vorherrschenden Dualismus seiner Zeit. In § 210 sagt er: „...in allen zu heilenden Krankheitsfällen ist der Gemüthszustand des Kranken als eines der vorzüglichsten mit in den Inbegriff der Symptome aufzunehmen, wenn man ein treues Bild von der Krankheit verzeichnen will, um sie hienach mit Erfolg homöopathisch heilen zu können.“

Für ihn „machen emotionale und psychische Störungen jedoch keine von den übrigen scharf getrennte Klasse von Krankheiten aus, indem auch in jeder der übrigen sogenannten Körperkrankheiten die Gemüths- und Geistes-Verfassung allemal geändert ist...“
„Wie oft trifft man nicht, z. B. in den schmerzhaftesten, mehrjährigen Krankheiten, ein mildes, sanftes Gemüth an, so dass der Heilkünstler Achtung und Mitleid gegen den Kranken zu hegen sich gedrungen fühlt. Besiegt er aber die Krankheit und stellt den Kranken wieder her – wie nach homöopathischer Art nicht selten möglich ist – da erstaunt und erschrickt der Arzt oft über die schauderhafte Veränderung des Gemüths. Da sieht er oft Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit und die, die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen gesunden Tagen eigen gewesen waren.“

"Die in gesunden Tagen Geduldigen findet man oft in Krankheiten störrisch, heftig, hastig, auch wohl unleidlich, eigensinnig und wiederum auch wohl ungeduldig oder verzweifelt; die ehedem Züchtigen und Schamhaften findet man nun geil und schamlos. Den hellen Kopf trifft man nicht selten stumpfsinnig, den gewöhnlich Schwachsinnigen hinwiederum gleichsam klüger, sinniger und den von langsamer Besinnung zuweilen voll Geistesgegenwart und schnellem Entschlusse usw.“  In diesem Paragraphen können wir sehen, wie wichtig Hahnemann die Beobachtung von emotionalen Reaktionen, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmalen war.

In § 220 erwähnt er Fälle, bei denen Gewalttätigkeit und Wahnsinn im Wechsel mit Melancholie und Depression auftrat und das Wiederauftreten bestimmter Verhaltensmerkmale in bestimmten Monaten. Nach W.M. Butler (1880), waren es Baillarger und Falvert, die diese Krankheit im Jahr1854 beschrieben und ihr den Namen „Folie Circulair“(1) und „Folie a Double Form“ gegeben haben. Die Differenzierung zwischen „manisch-depressivem“ Syndrom und Schizophrenie wird Kraepelin (1896) zugeschrieben (APA, 1944) (2). Dennoch machte Hahnemann wichtige Beobachtungen auf dem Gebiet der psychopathologischen Phänomenologie, ohne jemals eine Anerkennung dafür zu bekommen.

Hahnemann unterschied zwischen organischen und psychischen Erkrankungen. Er wandte sogar psychotherapeutische Techniken an. In § 224 empfiehlt er: „Ist die Geistes-Krankheit noch nicht völlig ausgebildet und es wäre noch einiger Zweifel vorhanden, ob sie wirklich aus Körper-Leiden entstanden sey oder vielmehr von Erziehungsfehlern, schlimmer  Angewöhnung, verderbter Moralität, Vernachlässigung des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit herrühre; da dient als Merkmal, dass durch verständigendes, gut gemeintes Zureden, durch Trostgründe oder durch ernsthafte und vernünftige Vorstellungen dieselben nachlassen und sich bessern, dagegen aber wahre, auf Körper-Krankheit beruhende Gemüths- oder Geistes-Krankheit schnell dadurch verschlimmert, Melancholie noch niedergeschlagener, klagender, untröstlicher und zurückgezogener, so auch boshafter Wahnsinn dadurch noch mehr erbittert und thörichtes Gewäsch offenbar noch unsinniger wird.“

 § 225: „Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüthskrankheiten, welche nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüte aus Anfang und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Ärgernis, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht  und Schreck. Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit auch den körperlichen Gesundheitszustand in hohem Grade.“ Bei diesen Krankheitsformen empfiehlt er eine psychotherapeutische Behandlung.
Hier sehen wir, mit welcher Klarheit er die Beziehung zwischen Körper und Geist erfasste. Daher kann er als Pionier auf dem Gebiet der Erforschung der psychosomatischen Erkrankungen angesehen werden. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts, 100 Jahre nach Hahnemanns Schriften zu diesem Thema, entstand ein zusammenhängendes Konzept der psychosomatischen Medizin.

 „Früher gab es gelegentlich Vorreiter, die die Aufmerksamkeit auf das Problem der psychosomatischen Erkrankungen lenkten und diese als grundlegend für die ärztliche Behandlung darstellten; aber erst in den letzten Jahrzehnten begannen diese Erkenntnisse, die medizinische Literatur zu durchdringen und sie völlig zu verändern. Hahnemann scheint einer dieser Führer gewesen zu sein, die ihrer Zeit um mehr als 100 Jahre voraus waren.“ (Dunbar, 1935)
Seine Einsichten in die Rolle des Geistes bei Krankheiten veranlassten ihn zu der Feststellung: Es ist möglich, dass „auch die höchste Krankheit durch hinreichende Verstimmung des Lebensprincips mittels der Einbildungskraft zuwege gebracht und so auf gleiche Art wieder hinweg genommen werden kann.“ Er erwähnte auch den Einsatz von Suggestion und Gegenübertragung bei der Behandlung von Patienten. Er selbst befürwortete die Anwendung von „Mesmerismus“, der heute als Vorläufer der Hypnose gilt. (Organon, § § 17, 288 ff).

Homöopathie und psychische Gesundheit

Die Psychiatrie blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein weiterhin als Fach undefiniert und die Lehre auf diesem Gebiet wurde Ärzten anderer Fachrichtungen überlassen. Im frühen 19. Jahrhundert wurden einige Anstalten gegründet und 1843 gab es etwa 24 Kliniken für psychisch Kranke. (APA, 1944) (2)

Die erste homöopathische Klinik für psychisch Kranke wurde im Mai 1874 in Middletown, New York, gegründet. Nach Angaben der behandelnden Ärzte „... wurden keine Opiate, Bromide oder Chlorhydrate benötigt, um die Kontrolle über die Patienten zu behalten.“ (Stiles, 1875).

Ein 1891 veröffentlichter Bericht der „Transactions of the American Institute of Homeopathy’s meeting (3)“, meldet zwischen 1883 und 1890 eine Differenz von 50% Patientenentlassungen aus der homöopathischen psychiatrischen Klinik im Bundesstaat New York, im Vergleich zu 30% aus herkömmlichen Krankenhäusern. In diesen war auch die Todesfallrate um 33% höher als in der homöopathischen Klinik. (Talcott, 1891)

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in sieben US-Bundesstaaten in Krankenanstalten für psychisch Kranke homöopathisch behandelt, zwei dieser Staaten hatten mehr als eine Klinik (Keith, 1899). Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Allentown-State-Krankenhaus (4) in Pennsylvania eröffnet und dem Hahnemann Hospital in Philadelphia angeschlossen. Leider existieren keine Unterlagen aus dieser Zeit mehr.

Es waren die Philosophen und Theologen, die die Theorie der psychischen Erkrankungen in Angriff nahmen, während sich die Medizin auf die Zellularpathologie konzentrierte und sich nicht für die Psychiatrie interessierte. Dennoch gab es bereits einen weiteren humanitären Ansatz für die Behandlung von psychisch Kranken, insbesondere durch die Lehren von Pinel, Esquirol, Tuke und Bucknill. Sie wurden in den meisten medizinischen Fakultäten, unabhängig von ihrer weltanschaulichen Orientierung gelehrt. (APA, 1944)
Im Hahnemann Hospital in Philadelphia war Professor H.N. Guernsey einer der Lehrer für Psychiatrie, obwohl er eigentlich Geburtshelfer war. 1866 beschreibt  er in einem Bericht Hysterie als eine Folge von sexuellen oder emotionalen Konflikten, eine Hypothese, die viele Jahre später von Freud aufgestellt wurde. (Guernsey, 1866)

Ein weiterer prominenter Arzt, der Homöopathie zur Behandlung psychisch Kranker einsetzte, war Charles Frederick Menninger, Gründer der Menninger-Klinik in Kansas, die weiterhin in Betrieb ist, aber nicht mehr homöopathisch arbeitet. Er war aktives Mitglied des ‚American Institute of Homeopathy’ und äußert sich folgendermaßen: „Die Homöopathie ist den therapeutischen Anforderungen unserer Zeit besser gewachsen als jede andere oder in medizinische Richtung.“ Und: „Wir müssen zunächst die Möglichkeiten der homöopathischen Heilkunst ausschöpfen, bevor wir auf eine andere Behandlungsart zurückgreifen, wenn wir den größtmöglichen Erfolg erzielen wollen.“ (Menninger, 1897)
Davidson hat Ähnlichkeiten zwischen der modernen Psychiatrie und der Homöopathie festgestellt. Die aktuelle neurobiologische Forschung hat die alten homöopathischen Ideen bestätigt. Psychotherapeutische Techniken sind darauf ausgerichtet, die Symptome des Patienten auf kontrollierte Art aufzudecken, um den Patienten zu heilen. Dies gilt sowohl für die kognitive, die Verhaltens- wie auch die psychoanalytische Therapie. In seinem Artikel beschreibt Davidson auch andere Themen wie die Selbstheilungskräfte, den Microdose-Effekt, das Verschwinden der Symptome in umgekehrter Reihenfolge ihres Erscheinens und die Diagnose durch Erkennen der Symptom-Muster. (Davidson, 1994)

Andere biologische Therapien beziehen den Begriff der Ähnlichkeit in ihre Behandlung ein. Dies ist der Fall bei der Behandlung von Depressionen mit Schlafstörungen (Wu et al., 1990), oder beim Einsatz von Reserpin in der Behandlung der refraktären Depression (Ananth und Ruskin, 1974). Trizyklische Antidepressiva werden nur in kleinen Dosen in der Therapie von  Panikanfällen eingesetzt, weil diese Antidepressiva in höherer Dosierung zu einer Verschlimmerung der Symptome führen können. (Kaplan und Sadock, 1995, S.1201)

Nach Meinung der Homöopathen sind die Symptome Ausdruck der Bemühungen des Organismus zur Wiederherstellung der Gesundheit. In der heutigen Psychiatrie vertreten Post und Weiss (1992) und Nesse (2000) ähnliche Ansichten. Sie meinen, dass die Symptome der großen affektiven Störungen adaptiv sein können und die Aktivität der Selbstheilungskräfte des Körpers widerspiegeln. Post und Weiss empfehlen therapeutische Strategien, die die Selbstheilungskräfte des Organismus anregen. Genau das ist wahrscheinlich die Wirkungsweise der homöopathischen Arzneimittel. (Kent, 1979)
Die meisten herkömmlichen Ärzte nehmen die Homöopathie nicht ernst, weil es ihnen schwer fällt zu akzeptieren, dass so stark verdünnte Substanzen eine therapeutische Wirkung haben können. Meistens wird die Homöopathie ohne angemessene wissenschaftliche Begründung abgelehnt. Viele Wissenschaftler behaupten, die Homöopathie anzuerkennen würde bedeuten, auf die heute gängigen Theorien der Physik und Chemie zu verzichten. Dies ist nicht zwangsläufig der Fall, so wie auch Newtons Theorien durch die Quantenphysik nicht überflüssig wurden. Es ist nötig und auch möglich, die Homöopathie nach dem üblichen wissenschaftlichen Standard zu beurteilen.

Linde, et.al, führten 1997 eine Metaanalyse über Homöopathie mit 189 Versuchspersonen durch, die homöopathische Mittel einnahmen. 89 von ihnen passten in vordefinierte Kriterien. Die Ergebnisse zeigen, dass die Patienten, die homöopathische Mittel nahmen, 2,45 mal häufiger einen positiven therapeutischen Effekt angaben als die Personen, die ein Placebo einnahmen (Linde, 1997). Kleijnen et al, überprüften 107 Studien. 81 (77%), zeigte eine positive Wirkung der Homöopathie. Von den 22 besten Studien belegten 15 die Wirksamkeit von Homöopathie. Die Forscher folgerten, dass „die Beweise, die in diesem Beitrag vorgestellt werden, wahrscheinlich ausreichen, um die Homöopathie routinemäßig als Behandlung für bestimmte Indikationen einzusetzen.“ Sie stellen fest, dass sie selbst überrascht sind „vom Ausmaß der positiven Ergebnisse selbst unter den besten Studien“  (Kleijnen, 1991).

Über den Einsatz der Homöopathie in der Psychiatrie wurden bisher nur wenige Studien veröffentlicht und die wenigsten haben eine fundierte wissenschaftlicher Methodik. Unter den von Kleijnen et.al überprüften Studien waren zehn Studien über die Behandlung von psychischen Problemen wie Depressionen, Schlaflosigkeit, Nervosität, Unruhe, Aphasie, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und anderes. Von diesen zehn Studien zeigten acht gute Erfolge mit homöopathischer Behandlung. Keine der Studien wurde wiederholt.

Davidson und seine Kollegen folgern, dass die Homöopathie bei der Behandlung von Angst oder Depression helfen kann, entweder als Begleittherapie oder als alleinige Behandlung für Patienten, die dies ausdrücklich wünschen. Natürlich muss der Arzt die Risiken und Vorteile einer homöopathischen Behandlung insbesondere in Situationen abwägen, wo die konventionellen Behandlungen nachweislich wirksam sind oder wenn der Patient entweder akut psychotisch oder suizidal ist. Diese Studie hat jedoch, wie auch der Autor feststellt, verschiedene Einschränkungen, und nur größere kontrollierte Doppel-blind-Studien können die Fragen beantworten, die sich beim Einsatz von Homöopathie in der Behandlung von Krankheiten im Allgemeinen und speziell in der Psychiatrie ergeben (Davidson, 1997).
Chapman et.al, führten eine randomisierte, doppel-blinde, Placebo-kontrollierte Studie an 60 Patienten mit leichter traumatischer Hirnverletzung mit persistierenden Symptomen durch. Die Ergebnisse zeigen, dass Homöopathie allein oder zusammen mit herkömmlichen Behandlungen und Rehabilitation bei der Behandlung Patienten mit persistierender leichter traumatischer Hirnverletzung erfolgreich eingesetzt werden kann, während die konventionellen Behandlungsmethoden nur begrenzt wirksam sind (Chapman, 1999).
J. Lamont führte eine placebokontrollierte Doppelblindstudie über die Behandlung von 43 Kindern mit der Diagnose ADHS (5) durch. Er konnte statistisch signifikante Unterschiede aufzeigen, die die These unterstützen, dass eine homöopathische Behandlung der Placebo-Gabe überlegen ist. Studien dieser Art sollten wiederholt werden (Lamont, 1997).

In den homöopathischen Zeitschriften des 19. und 20. Jahrhunderts wurden Hunderte von Fallberichten über Patienten mit psychischen Störungen veröffentlicht, die erfolgreich homöopathisch behandelt worden waren. Auch wenn die Darstellung einiger Fälle für eine angemessene Evaluation nicht ausreicht, erfüllen viele Patienten die Kriterien für eine psychische Störung nach dem DSM-IV (6) und wären heute Kandidaten für eine konventionelle Pharmatherapie.

Eine Studie über 120 Patienten mit den Diagnosen der Angstneurose, Phobie, psychosomatische Störung oder neurotische Depression wurde von Gibson et al (1953) veröffentlicht. Priestman (1951) beschrieb 20 Fälle von Angstneurose, Phobie und Hypochondrie. Reichenberg-Ullman und Ullman (1996, 1999) haben Bücher über eine Reihe von Patienten mit ADHS, Depressionen und Verhaltensstörungen veröffentlicht.

Detinis (1994) präsentiert sechs Fälle von depressiven, suizidgefährdeten Patienten, Patienten  mit chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, das prämenstruellem Syndrom und Angststörungen. Bodman (1990) beschreibt eine Reihe von Fällen mit Depressionen, Angst, Schlafstörungen, Phobien, Neurosen, zerebralen Folgen eines Schlaganfalls, Menière, Migräne und anderen Problemen, die erfolgreich mit Homöopathie behandelt wurden.

Boltz (1968) und Phalnikar (1962) beschreiben einige Patienten mit akuter Psychose, die sich durch eine homöopathische Behandlung ohne Rückfälle erholten - nachdem die herkömmlichen Behandlungsmethoden versagt hatten. Die Ergebnisse sind durch langzeitige Follow Ups gesichert. Saine (1997) stellt eine Reihe von Fällen von Psychosepatienten mit manisch-depressiven Störungen, Zwangserkrankungen und Neurosen vor. Shevin (1989) behandelte mehrere Patienten mit dissoziativen Störungen, Charakterschwäche und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Gallavardin (1960) berichtete über eine Reihe von Fällen mit Alkoholismus, die mit homöopathischer Behandlung erfolgreich entwöhnt wurden. Viele Patienten wurden ohne ihr Wissen homöopathisch behandelt. M. Grazyna et.al (1993) veröffentlichten 30 Fälle, die wegen Alkoholentzug und Delirium tremens behandelt wurden. Etwa 30% der Patienten haben die Behandlung 12-18 Monate lang durchgeführt. Die meisten von ihnen blieben während der langen Follow-up-Phase von bis zu sieben Jahren abstinent.

Einige Autoren haben geistig behinderte Kinder behandelt, die mit homöopathischer Behandlung gebessert wurden. Haidvogl et.al., (1993) beschreiben 40 Fälle von behinderten Kindern. Sie berichten, dass fast 75% der Kinder auf die Behandlung ansprachen, fast 50% zeigten Verbesserung aller wesentlichen Symptome. Die Autoren weisen darauf hin, dass Kinder mit organischen Hirnschädigungen, Autismus und anderen Syndromen gut reagierten, im Gegensatz zu sozial deprivierten Kindern. Griggs (1968) behandelte vier entsprechende  Fälle, darunter einen mit Anfallsleiden. Wright-Hubbard (1965) stellt vier Fälle von geistiger Behinderung mit Krampfanfällen, Autismus und Muskelzuckungen vor, die gut auf homöopathische Mittel reagierten, wenn man ihnen keine konventionellen Mittel gab.

Cortina (1994) präsentiert 20 Fälle von Kindern mit Enuresis und Verhaltensstörungen, die mit Ilex, einem pflanzlichen Mittel, behandelt wurden. Sie berichten von einer 50% igen Verbesserung bei der Enuresis und Verhaltensauffälligkeiten. Leider war die Studie nicht kontrolliert und ist daher schwer zu überprüfen.

Es gibt viele Fallberichte von Patienten mit Anorexia nervosa (Gray, 1981), Angstneurosen (Crothers, 1980) und manisch-depressiver Störung (Whitmont, 1980), die erfolgreich mit Homöopathie behandelt wurden. Boericke (1965) stellt einen interessanten Fall eines Demenzpatienten mit Psychose vor, den er mit einer homöopathischen Aufbereitung von Chlorpromazin behandelt hatte, nachdem bei ihm auf die herkömmlichen Dosierungen dieses Mittels eine Verschlechterung eingetreten war.

In allen diesen Fällen sind die vorliegenden Störungen klar genug beschrieben, um einer strengen Überprüfung standzuhalten. Allerdings gibt es in vielen Fällen keine ausreichenden Daten, die modernen diagnostischen Standards genügen. Die meisten Berichte in der homöopathischen Literatur stellen nur individuelle Berichte vor, die hauptsächlich darauf abzielen, den homöopathischen Praktikern zu zeigen, wie das Mittel ausgewählt wurde. Diese Falldarstellungen waren als Lehrmittel und nicht für wissenschaftliche Zwecke gedacht.

Slonim und White (1983) haben sich den besonderen Themen, die sich bei der Vorbereitung und Auswertung von Fallberichten in der Alternativmedizin und besonders in der Homöopathie ergeben. Sie zeigen, dass es mindestens ebenso viele Beweise für die Wirksamkeit homöopathischer Behandlung gibt, wie für viele konventionelle Behandlungsmethoden, die bisher noch nicht überprüft wurden.


Homöopathische Mittel in der Behandlung von psychischen Störungen

Homöopathen verwenden verschiedene Mittel mit scheinbar unterschiedlichen biologischen Wirkungen. Einige haben akute Symptomatik in ihrem Mittelbild wie Belladonna, Hyosciamus, Stramonium und Veratrum album. Hier treten die Symptome kurz nach der Einnahme des Mittels auf.
Andere, sogenannte langsame Mittel wie Natrium muriaticum (Natriumchlorid), Silicea, Phosphor oder Sepia brauchen mehr Zeit und wiederholte Gaben, um ihre besonderen Symptomatik und ihren Wirkungskreis zu entfalten. (Hahnemann: Organon, §221).
Die Auswahl der Mittel basiert immer auf der Gesamtheit der Symptome und der Beachtung charakteristischer körperlicher Merkmale wie zum Beispiel: Blutandrang im Gesicht, rote Haut, glänzende Augen, pochende Halsschlagadern, Erregung, Überempfindlichkeit aller Sinne, Delirium und unruhiger Schlaf, Mundtrockenheit usw. Dieses Krankheitsbild korreliert mit dem Mittelbild von Belladonna (Atropa Belladonna). Es sind die Symptome einer anticholinergen Intoxikation.

Ein manischer Zustand und ein streitsüchtiger und obszöner Charakter, Schamlosigkeit, benutzt unanständige Gesten und Ausdrücke, sowie Neigung zu Exhibitionismus, sind charakteristisch für Hyosciamus. Diese Symptome sind durch Prüfungen belegt, und das sind  die Symptome, die mit den Symptomen des Patienten zusammen passen müssen. Dann wird das Mittel in homöopathischen Dosen verabreicht.

Guernsey beschreibt neununddreißig weitere Mittel mit ihren charakteristischen Symptomen für die Behandlung von psychischen Erkrankungen (Guernsey, 1866; Boericke, 1927). Neben den psychischen Symptomen werden auch die körperlichen Charakteristika und Beschwerden mit dem durch die  Prüfungen an gesunden Probanden gefundenen Mittelbild abgestimmt, das um das richtige Mittel auszuwählen.

Hahnemann stellte fest, dass häufig eine Erstverschlimmerung der Symptome auftrat, danach folgte eine Besserung des Zustandes. Dies ist vergleichbar mit dem Phänomen, das bei der Behandlung von Angststörungen mit Trizyklika beobachtet wurde. (Kaplan & Sadock, 1995).

Die spezifischen Mittelbilder ähneln Krankheitsbildern, die auch in der heutigen Nosologie zu finden sind. Im Prüfungsbericht von Aurum metallicum (Gold) heißt es: „Hoffnungslos, verzweifelt und starkes Verlangen, Selbstmord zu begehen; das Leben widert ihn an, Selbst-Verurteilung und Gefühl völliger Wertlosigkeit“. Ganz anders das Mittelbild von Staphisagria: „Nervenleiden mit ausgeprägter Reizbarkeit, schlimme Folgen von Wut und Kränkung; sehr sensibel auf das, was über sie gesagt wird; zieht Einsamkeit vor“ (Guernsey, 1866).

Das erste Bild könnte einer melancholischen Depression entsprechen und das letztere ähnelt der Empfindlichkeit und dem ablehnenden Verhalten eines Patienten, der unter Donald Kleins hysteroider Dysphorie oder atypischen Depression leidet (Kaplan & Sadock, 1995). Diese klinischen Bilder entwickeln sich oft bei Personen, die bereits für diese Syndrome anfällig sind. Die Teilnehmer an einer Arzneimittelprüfung müssen frei von jeder erkennbaren Krankheit sein, damit die Symptome korrekt in die Materia medica aufgenommen werden können.

Das gewählte Mittel entspricht nicht nur dem geistigen Bild, auch die körperlichen Gegebenheiten werden bei der Mittelwahl berücksichtigt. Zum Beispiel scheint Aurum eine Affinität zum Herz-Kreislauf-System haben, während Staphisagria eher mit dem Urogenitalsystem zu tun hat.

Ein weiteres interessantes Mittel ist Arsenicum album. Der Patient ist von großer Angst und Unruhe gekennzeichnet und ändert ständig die Lage oder wechselt den Platz. Er hat Angst vor dem Tod und vor dem Alleinsein. Diese Symptome findet man auch häufig bei Angststörungen, vor allem bei Panikattacken.

Das Mittelbild von Natrium muriaticum zeigt die negativen Auswirkungen von Trauer, Angst, Wut usw.; Er ist deprimiert und reizbar und regt sich über Kleinigkeiten auf; will allein sein um zu weinen. Diese Symptome kommen auch bei Dysthymie oder Anpassungsstörungen vor.
Nux vomica ist engagiert und hat ein feuriges Temperament. Er ist sehr reizbar und kann Geräusche, Gerüche, Licht und Berührung nicht ertragen. Mürrisch und kritiksüchtig, braucht er Stimulanzien, neigt manchmal zur Maßlosigkeit und leidet an Verstopfung. Diese Symptome treten auch bei Patienten mit neurovegetativer Dystonie oder Dysthymie auf und sind meist organischer Natur.

Dies sind nur einige der psychischen Symptome, die als Prüfungssymptome in die homöopathische Materia medica eingegangen sind. Arzneimittelprüfungen ergeben die klinischen Mittelbilder, die bei „gesunden“ Probanden durch die Einnahme potenzierter Substanzen hervorgerufen werden. Sie sind die Grundlage für die homöopathische Behandlung. Die Kernfrage der Meinungsverschiedenheiten ist: Sind diese stark verdünnten Lösungen, in denen keine Moleküle der ursprünglichen Substanz mehr vorhanden sind, biologisch aktiv?

Homöopathie - ein Placebo?

Infolge ihrer Selbstgerechtigkeit und der mystischen Tendenzen, die Homöopathen manchmal an sich haben, hielt sich die wissenschaftliche Prüfung ihrer Lehre in Grenzen. Dass das homöopathische Mittel individuell nach den Symptomen des Patienten ausgewählt wird, stellt eine Schwierigkeit bei der Konzeption von gut aufgebauten Studien dar und erschwert die Durchführung von Doppelblind-Studien.

In einer Rezension der homöopathischen Literatur von Scofield (1984) heißt es: „... trotz vieler experimenteller und klinischer Arbeit gibt es nur wenige wissenschaftliche Beweise für  die Wirksamkeit der Homöopathie. Dies liegt an der schlechten Planung, Ausführung, Auswertung und Darstellung der Ergebnisse oder an experimentellen Fehlern und keineswegs an der Unwirksamkeit der Heilmethode. Sie sollte jetzt noch einmal richtig in großem Maßstab getestet werden. Vermutlich gibt es genügend Material für die Durchführung von gut konzipierten, sorgfältig kontrollierten Untersuchungen. Die bisher geleistete experimentelle Arbeit berechtigt zu der Annahme, dass die Homöopathie in der Behandlung und Prävention von Krankheiten bei Pflanzen, Tieren und Menschen erfolgreich eingesetzt werden kann.

In einer klinischen Doppelblindstudie kamen Reilly und Mitarbeiter (1986) zu folgendem Schluss: „Die homöopathisch behandelten Patienten zeigten sowohl auf der vom Patienten als auch in der vom Arzt zu beurteilenden Symptom-Skala eine signifikante Besserung. Es gibt keine Beweise, die die Vorstellung, die Wirkung homöopathischer Arzneimittel sei durch einen Placebo-Effekt erklärbar, unterstützen...“

Schlussfolgerungen

Aus der obigen Diskussion können wir schließen, dass Hahnemann einer der frühen Innovatoren der humanen Behandlung von Geisteskranken und psychisch Kranken war. Er hat die Theorie der psychosomatischen Erkrankungen initiiert und die Pharmakologie und Toxikologie untersucht. Er legte Wert auf die Beobachtung der natürlichen Reaktionen lebender Organismen auf Arzneimittel und Krankheiten und schätzte eine gründliche Anamnese. Der Patient war ihm wichtiger als jede Krankheitslehre.

Die Homöopathen hatte einen erheblichen Einfluss auf die Art, wie Medizin heute praktiziert wird. Die neuere Forschung hat festgestellt, dass einige der homöopathischen Postulate durchaus richtig sein könnten, und dies könnte eine neue Sichtweise in der Medizin initiieren. Moderne homöopathische Arzneimittelprüfungen werden als Plazebo-kontrollierte Doppelblindstudien durchgeführt, und die Ergebnisse sind statistisch signifikant (Int.Hom.Med.League, 1987) (7).

Der Beweis, dass die Homöopathie wirkt, würde die Medizin revolutionieren und den Menschen eine kostengünstige, weniger toxische und ganzheitliche Behandlung bieten. Dies hätte sozial, wirtschaftlich wie auch politisch immense Auswirkungen.

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(1) Folie Circulair - Folie a Double Form  - Bipolare affektive Störung - manisch-depressive Erkrankung

(2) APA - American Psychiatric Association – Amerikanische psychiatrische Vereinigung

(3) AIH-Journal

(4) Pennsylvania State Homeopathic Asylum, Allentown

(5) ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung

(6) DSM-IV – aktuelle Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) - Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung).

(7) Internationale Homöopathische Medizinische Liga

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