Dr. Jan Scholten im Interview

Dr. Jan Scholten im Interview

Interview von Dr. Pawan S. Chandak
 
Dr. Pawan S. Chandak: Lieber Jan, herzlich willkommen bei modernhomoeopathy.com!
Wir freuen uns sehr, Sie heute hier bei uns zu haben.
Heutzutage werden oftmals homöopathische Einzelmittel, Komplexmittel, Phytotherapie, Urtinkturen, Biochemie usw. gleichzeitig bzw. nebeneinander gegeben. Was meinen Sie dazu, ist da die Möglichkeit einer Unterdrückung gegeben? Wie verstehen Sie Hahnemanns Unterdrückungskonzept?
 
Dr. Jan Scholten: Unterdrückung kann immer geschehen, wenn nicht das richtige Heilmittel gegeben wird. Unterdrückung ist eine übliche und völlig natürliche Entwicklung, die sich auch ohne therapeutischen Eingriff vollzieht. Aber Therapien können dazu beitragen, und je "stärker" die Therapie, desto mehr Unterdrückung kann sie verursachen. Es ist die Frage, ob Linderung von Beschwerden bzw. Heilung überhaupt ohne Unterdrückung möglich ist.


Dr. Pawan S. Chandak:
Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihr Leben von ihrer Kindheit an bis heute.

Dr. Jan Scholten: Aus meiner Jugend gibt es nichts Besonderes zu erzählen. Ich bin in einer kleinen Stadt im Süden der Niederlande aufgewachsen. Ich ging zur Schule wie die anderen Kinder auch. Meine Familie hat einen Hang zur Medizin; mein Vater war Tierarzt, zwei meiner Brüder sind Tierärzte, und mein dritter Bruder ist Allgemeinarzt.

Die wesentlichen Dinge liefen mehr in meinem Innern ab. Ich habe mir stets Gedanken über das Leben gemacht und mich gefragt, was die Menschen eigentlich antreibt. Immer war ich auf der Suche nach der Essenz des Lebens.
Vielleicht deshalb ergab ein Eignungstest, dass für mich die Biochemie das geeignete Studienfach sei, und so begann ich, dieses Fach zu studieren. Die Prüfer hatten mein Interesse an der Wissenschaft und am Leben herausgefunden und meinten, dass diese beiden Interessen durch die  Biochemie abgedeckt seien.

Es stellte sich jedoch später heraus, dass die Biochemie für mich zu "tot" war, es mangelte ihr an Leben, an der Lebensessenz. Daher wandte ich mich nun einem völlig gegensätzlichen Studiengebiet zu und studierte Philosophie. Doch nach einigen Jahren entdeckte ich, dass sich die Professoren mehr für nette Theorien interessierten, statt sich wirklich mit der Frage nach der Essenz des Lebens zu beschäftigen. So gab ich dieses Studium auf.

Dann studierte ich Medizin. Die Theorie war prima, doch die Praxis gefiel mir nicht. Oft hatte ich das Gefühl, dass es den Patienten besser ginge, wenn sie nicht im Krankenhaus wären. Zumindest hätte ich nicht gern mit mir machen lassen, was mit den Patienten getan wurde. Das galt besonders für die Krebs-Kliniken. Ich fragte auch mehrere Onkologen, ob sie gern so behandelt würden und sie verneinten dies. Vielleicht war ich zu kritisch; aber das war lange, bevor ich der Homöopathie begegnete.

Nach meinem Studienabschluss entschied ich mich dafür, Arzt für Allgemeinmedizin zu werden, weil ich aus den erwähnten Gründen nicht in einem Krankenhaus arbeiten wollte. Während dieser Zeit belegte ich einige Kurse in alternativer Medizin: Akupunktur, orthomolekulare Medizin und später Homöopathie. Homöopathie wählte ich als Letztes, weil ich dachte, das sei ein ziemlich abgelegenes Gebiet. Aber als ich mich dann mit der Homöopathie beschäftigte, entdeckte ich, dass dies echte Medizin war. Patienten, die sich wieder jung fühlen und ihr ursprüngliches Selbst zurückgewinnen: Das ist Heilung!

Von da an arbeitete ich nur noch als Homöopath. In der Homöopathie kam alles zusammen, es war wie ein Heimkommen. In der Homöopathie findet man, was die Menschen bewegt; wie der Körper funktioniert,  wie er auf Stress reagiert und wie er Probleme auszudrücken versteht. Homöopathie ist in gewisser Weise ein Konglomerat aus Medizin, Psychologie, Mythologie, Physik, Philosophie und Soziologie und umfasst gewissermaßen alle Wissenschaften.

Dr. Pawan S. Chandak: Können Sie uns irgendeinen besonderen Grund für Ihr homöopathisches Interesse und ihre Bekehrung zur Homöopathie nennen?

Dr. Jan Scholten: Mich überzeugte die Tatsache, dass man mit der Homöopathie wirklich heilen kann, dass sich die Patienten so jung fühlten, wie sie vor ihrer Krankheit gewesen waren. Wenn die Geschichten, die ich gelesen hatte, wahr waren, dann war dies das, was ich wirklich tun wollte. Ich wollte Menschen heilen, sie wirklich gesund machen.

Dr. Pawan S. Chandak: Auf wen beziehen Sie sich in Ihrer homöopathischen Arbeit? Ich meine: wer ist Ihr Guru oder Lehrer bzw. wer hat Sie inspiriert und in die Homöopathie eingeführt?

Dr. Jan Scholten: Es gibt keinen speziellen Guru. Das Leben ist mein Guru, es unterrichtet mich in allen wesentlichen Dingen. Die Patienten sind Gurus, weil sie dem Homöopathen zeigen, ob er das richtige Mittelbild erkannt und das richtige Mittel gegeben hat. Meine Kollegen sind Gurus, indem sie interessante Fälle berichten und mich mit ihren Ideen und Gedanken anregen.

Dr. Pawan S. Chandak: Was halten Sie von den gegenwärtigen Strömungen in der Homöopathie bezüglich verschiedener Zugangsmöglichkeiten und Hypothesen, und zur Auffassung der klassischen Homöopathie im Hinblick auf Einzelgaben und Einzelmittel?

Dr. Jan Scholten: Das Konzept der "Klassischen Homöopathie" ist nur sehr ungenau definiert. Einige Homöopathen verstehen darunter eine homöopathische Behandlungsweise in der gleichen Art wie bei Hahnemann oder Kent. In diesem Sinn bin ich kein klassischer Homöopath.
Für manche Homöopathen ist "Klassische Homöopathie" gleichbedeutend mit der Verschreibung von Einzelmitteln. In diesem Sinn bin ich klassisch. Doch die Idee der Einzelmittel steht nicht auf allzu festem Boden in Bezug auf die Gesetze der Homöopathie.
Es könnte sich in Zukunft herausstellen, dass die "Einzelmittel" gar nicht das „Herzstück“ der Homöopathie sind.

Dr. Pawan S. Chandak: Berichten Sie mir bitte kurz über den Stand der Homöopathie in den Niederlanden unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Erfahrungen und der Probleme, mit denen Sie in Ihrer homöopathischen Praxis konfrontiert waren.

   

Dr. Jan Scholten: Die Homöopathie zeigt verschiedene Entwicklungen. Als soziales Phänomen ist sie einerseits vielen Angriffen durch die Medien, wie Zeitschriften und Fernsehen ausgesetzt. Das ist allerdings nicht typisch für Holland, das gibt es überall auf der Welt. Dieser Trend gipfelt in einem Artikel in „The Lancet“, einer Meta-Analyse über Homöopathie.

Das Fazit des Artikels war, dass Homöopathie ein Placebo sei. Doch diese Schlussfolgerung stützte sich nur auf eine umgrenzte Auswahl von Forschungsberichten. Die Auswahl als solche wurde nicht näher beschrieben, und es wurde nicht deutlich gemacht, auf welcher Basis sie gemacht worden war. Das Ganze war also sehr unwissenschaftlich.

Das Komische ist, dass eine so "renommierte" Zeitschrift solche offensichtlichen Fehler macht. Und äußerst merkwürdig ist außerdem, dass sie damit im Gegensatz zu anderen Zeitschriften steht, die in ihren aktuellen Nachrichten vier frühere Meta-Analysen veröffentlichen, die ganz klar zeigen, dass die Wirkung homöopathischer Mittel keineswegs nur einem Placebo-Effekt zu danken ist. Diese Ergebnisse waren in den Medien nur unzulänglich dargestellt. Es scheint in unserer Gesellschaft Kräfte zu geben, die bewusst gegen die Homöopathie arbeiten.

Einige Homöopathen sind auf der Suche nach den Ursachen für diese Angriffe innerhalb der homöopathischen Gemeinschaft. Zum Beispiel macht Vithoulkas die neuen Entwicklungen in der Homöopathie wie Sankaran und mich dafür verantwortlich, dass die Homöopathie unter Beschuss geraten ist. So etwas kommt häufig vor, wenn Minderheiten angegriffen werden: Sie spalten sich in verschiedene Untergruppen auf und beschuldigen immer die Anderen, um Unterstützung vom Publikum zu bekommen. In der Vergangenheit ist das in vielen religiösen Gruppierungen so gelaufen. Es funktioniert nur nicht. Außenstehende können eine gespaltene Gruppe sogar noch viel einfacher und erfolgreicher angreifen.
Diese Angriffe durch die Medien haben die Leute teilweise negativ beeinflusst, sodass weniger Menschen zum Homöopathen gehen. Infolgedessen mussten einige Homöopathen in den Niederlanden ihre Praxen aufgeben. Andererseits ist die Homöopathie als Wissenschaft in einer enormen Entwicklung begriffen. Die Behandlungsergebnisse werden – auch bei schweren Krankheiten - immer besser. Das Verständnis für die homöopathischen Mittel hat sich vertieft und es sind viele neue Mittel dazu gekommen.

Dr. Pawan S. Chandak: Wie beurteilen Sie die Notwendigkeit einer Neuprüfung homöopathischer Arzneimittel, die zu Hahnemanns Zeit geprüft wurden?
Ist es wirklich nötig, und wenn ja, kann dies unsere Materia Medica durch Neuentdeckungen und neue Erkenntnisse verändern?

Dr. Jan Scholten: Man kann viele Arzneimittelprüfungen machen, wenn man will. Jeder hat die Freiheit, ein Mittel auszuwählen und zu prüfen, egal, ob es ein altes oder ein neues Mittel ist. Es ist immer von Vorteil, wenn solche Arzneimittelprüfungen veröffentlicht werden.
Jede neue Prüfung eines "altbekannten" Mittels wird sich vom alten Mittelbild unterscheiden. Arzneimittelprüfungen sind nicht das Mittel selbst; sie zeigen einen Aspekt eines Mittels, und die Betrachtungsweisen sind verschieden. Die Essenz eines Mittels ist immer gleich, doch was bei einer Arzneimittelprüfung heraus kommt, das hängt von vielen Faktoren ab.

Man kann Arzneimittelprüfungen mit einer Pflanze in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen vergleichen: Eine junge Pflanze sieht anders aus als eine Blume in voller Blüte, und diese unterscheidet sich wiederum von einer, die am Verrotten ist, aber es ist dennoch dieselbe Pflanze.
 


© Uschi Dreiucker/
PIXELIO


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© Axel Hopfmann /PIXELIO
 
Salbeiknospe
Salbeiblüte
Salbei im Winter
 
 

Dr. Pawan S. Chandak: Halten Sie eine Revision der 6. Ausgabe des Organon für nötig?

Dr. Jan Scholten: Man kann ein Upgrade der 6. Auflage des Organon aus verschiedenen Perspektiven sehen. Aber mein prinzipieller Standpunkt ist, das Organon so zu lassen, wie es ist. Es ist ein historischer Text und als solcher gut so, wie er ist. Neue homöopathische Lehrbücher werden jedoch immer gebraucht, weil sich die Homöopathie in einer ständigen Entwicklung befindet. Ein Vergleich mit der Physik macht den Sachverhalt deutlich: Newtons Schriften werden auch nicht aufgebessert. Aber seine Grundideen werden in modernen Lehrbüchern auf vielleicht noch bessere Art neu formuliert, Nachträge und Ergänzungen werden hinzugefügt. Die Newtonschen Schriften als solche werden von Physikstudenten kaum gelesen, weil es heute wesentlich bessere Lehrbücher gibt, die in moderner Sprache abgefasst und daher besser verständlich sind.

Dr. Pawan S. Chandak: Wie stehen Sie zur Bedeutung der Krankheits-Diagnose in der Homöopathie? Ist sie ein Muss?

Dr. Jan Scholten: Eine ordnungsgemäße Diagnose gehört zur homöopathischen Diagnostik. Die "Krankheit" ist Teil des Mittelbildes und als solches relevant und wichtig. Man kann aber auch auf der Grundlage der Essenz eines Mittels oder eines Lebensgefühls oder seiner Intuition  oder was auch immer verschreiben und auf diese Weise die Diagnose umgehen. Das Wesentliche ist, das richtige Mittel zu erkennen, egal wie.

Dr. Pawan S. Chandak: Was halten Sie von der Anwendung von Präventivmedikation bei verschiedenen Epidemien (1) wie Chikungunya, Virusinfekten oder Bindehautentzündung? Stimmen Sie mit dem Genius-Epidemicus-Konzept von Hahnemann überein? Und wenn nicht - warum? Dr. Praful Vijaykar ist beispielsweise nicht einverstanden mit Hahnemanns Epidemie-Konzept.

Dr. Jan Scholten: Ich bin der Meinung, dass Hahnemann hier hervorragende Arbeit geleistet hat. In der Prävention und Therapie von Epidemien hat die  Homöopathie von Anfang an große Erfolge überall auf der Welt zu verzeichnen gehabt. Epidemien sind einer der Bereiche, wo die Wirksamkeit homöopathischer Mittel leicht bewiesen werden kann.

Dr. Pawan S. Chandak: Was meinen Sie zum Thema „Klassifikation der Miasmen“, wie sie von einigen Homöopathen propagiert wird, z.B. Krebs-Miasma, Malaria-Miasma, AIDS-Miasm usw.?
Brauchen wir über die von Hahnemann gegebene miasmatische Klassifikation von Psora, Sykose und Syphilis hinaus weitere Miasma-Klassifikationen?

Dr. Jan Scholten: Das "Miasmen-Modell" wird auf viele verschiedene Arten angewendet. Einige Homöopathen nutzen ausschließlich die drei Arzneimittelgruppen, wie Hahnemann sie vorgegeben hat.
Masi verwendet dieselben Miasmen als Entwicklungsstufen von Krankheit. Nach Masi sind Arzneimittel beispielsweise nicht psorisch, aber sie können bei einem Patienten in einem psorischen Krankheitsstadium angemessen sein.
Sankaran nutzt das Miasmen-Konzept als Möglichkeit, die Probleme zu erkennen, die mit den verschiedenen Formen einer Krankheit verbunden sind. Sankarans Miasmen-Modell ist eng mit den Stadien des Periodensystems verbunden, die Miasmen sind Ausdruck dieser Stadien. Hahnemann entwickelt seine Idee der Miasmen in den "Chronischen Krankheiten"; das hinter dem vordergründig sichtbaren Leiden stehende Miasma bedeutet soviel wie Verunreinigung; man sieht sie nicht, aber sie  bringt die Krankheit hervor. So drückt der Begriff Miasma die Vorstellung aus, dass "Krankheiten" nicht die Erkrankungen an sich sind; es steht etwas anderes hinter all diesen Pathologien, welches der echte Krankheitsherd ist. Damit verbunden ist der Gedanke, dass "Miasmen" von Generation zu Generation als unsichtbare Einflüsse vererbt werden können.
Daher ist es schwierig, über Miasmen zu sprechen, ohne zuvor zu klären, was genau damit gemeint ist.

Dr. Pawan S. Chandak: Sie haben in verschiedenen Ländern Seminare gegeben oder Vorträge gehalten. Was für einen Eindruck haben Sie von der Stellung der Homöopathie in England und in den USA?

Dr. Jan Scholten: Es ist genauso, wie ich bereits gesagt habe. Die Situation unterscheidet sich nicht allzu sehr von der in Holland. Ich glaube, in Indien ist es anders, aber ich kenne die dortige Lage nicht gut genug, um viel darüber zu sagen.

Dr. Pawan S. Chandak: Welchen Rat geben Sie der jüngeren homöopathischen Generation? Es gibt die verschiedensten Schulen mit verschiedenen Meinungen auf der ganzen Welt, wie Sankaran, Predictive Homöopathie (Vijayakar), Vithoulkas, Sehgal usw.

 
Dr. Jan Scholten: „Schulen" sind ein soziales Phänomen, kein wissenschaftliches. Es gibt nur die eine homöopathische Wissenschaft mit verschiedenen Theorien, die einander ergänzen.
Man kann es mit der Physik vergleichen: Wir haben keine Schulen für Elektrizität und für Gravitation und für Quanten-Physik: Das ist alles Physik.

Dasselbe gilt für die Homöopathie: Ein Mittel ist eben ein Mittel. Man kann dieses Mittel aus verschiedenen Perspektiven betrachten, doch das Mittel bleibt dasselbe. Man könnte es auch so ausdrücken: „Dem Mittel ist es egal, wie man es findet“. Oder etwas mehr wissenschaftlich: „Das Mittel wirkt unabhängig davon, auf welche Weise es gefunden wurde.“

Doch es gibt eine Spaltung in der Homöopathie zwischen einer konservativen Gruppe und denjenigen, die neue Wege gehen. Die Konservativen nennen sich „klassisch" und behaupten, die wahren Erben Hahnemanns zu sein. Sie neigen dazu, neue Entwicklungen nicht als echte Homöopathie anzuerkennen; sie schieben sie beiseite, indem sie sie als „neue Schulen“, oder „nur etwas für ganz Fortgeschrittene, aber bestimmt nichts für Anfänger“ bezeichnen. Leider sind die meisten Lehrer in den Homöopathieschulen eher bei den Konservativen und lehren die Studenten nur die „alte“ Homöopathie. Die Diskussion zwischen den beiden Gruppen ist nicht sehr fruchtbar und führt häufig zu Schuldzuweisungen und Verleumdungen.

Ein Beispiel kann dies verdeutlichen. Ich hatte eine Diskussion mit Vithoulkas über die Entwicklung von Arzneimittel-Bildern. Vithoulkas bestand darauf, dass sie nur durch Arzneimittelprüfungen und vielleicht, vielleicht ein kleines bisschen aus klinischen Fällen hergeleitet werden können. Er bezeichnete die Idee, Mittelbilder aus der miasmatischen  Klassifikation zu gewinnen, als nicht homöopathisch, nicht an Hahnemann orientiert, idiotisch und nur dem Geltungsdrang des Entwicklers geschuldet.
Keines dieser vier Argumente ist wissenschaftlich relevant. Es ist sehr bedauerlich, dass die Diskussion nicht auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben werden kann.
Vithoulkas verspottet in ähnlicher Weise die Idee, dass die Arzneimittel aus den verschiedenen Königreichen jeweils besondere Qualitäten haben. Doch auch hier fehlt jedes wissenschaftliche Argument, er versucht es nur lächerlich zu machen. Es ist schade, dass er diese Ideen verwirft, ohne Erfahrung mit ihnen zu haben. Denn die Erfahrung zeigt, dass sie richtig  sind. Schade, dass Vithoulkas diese neuen Erkenntnisse nicht anerkennen kann, und es ist noch bedauerlicher für seine Patienten. Aber am schlimmsten ist es für die homöopathische Gemeinschaft, weil es zu Spaltung und Konfusion führt.

Die Klassiker argumentieren, dass man sich nicht genau an Hahnemann hält. Aber das ist kein wissenschaftliches Argument. Es ist eher ein religiöses Argument wie bei Leuten, die sich auf die Bibel oder den Koran als ultimative Texte stützen. Aber wissenschaftlich gesehen ist es ohne Interesse, wer was gesagt hat, es kommt nur darauf an, ob das, was gesagt wurde, wahr ist.

Dr. Pawan S. Chandak: Erzählen Sie uns mehr von Ihren Forschungen zur „Ähnlichkeitsregel“. 

Dr. Jan Scholten: Jede Verschreibung ist ein Test für die Ähnlichkeitslehre. Aber bis jetzt vertraue ich der Ähnlichkeitsregel. Das bedeutet, dass ich, wenn ein Mittel nicht wirkt, an meiner Verschreibung zweifle und nicht an der Simileregel. Es ist eine klare Aussage, dass ich dem Ähnlichkeitsprinzip vertraue. Es ist allgemeingültig und stimmt immer. Das heißt, es ist auf alle Therapien anwendbar, auch auf die Schulmedizin. 

Dr. Pawan S. Chandak: Erzählen Sie uns mehr über Ihre Studien des Periodensystems und über das Mineralreich. Wie entstand Ihr Interesse an der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mineralreich und Homöopathie?

Dr. Jan Scholten: Meine Frage würde eher lauten: „Wie hätte ich nicht mit dem Periodensystem arbeiten sollen?“. Das Periodensystem der Elemente ist der grundlegende Plan vom Aufbau der Natur und daher relevant für die Homöopathie. Homöopathie ist nicht irgendetwas außerhalb der Natur. Ganz im Gegenteil, Homöopathie wurzelt tief in der Natur und ihrer Lebensessenz. So muss das Periodensystem eine tief greifende Bedeutung für die Heilmittel der Natur haben. Die Natur ist eine Einheit, Theorien sind verschieden.
 
Dr. Pawan S. Chandak: Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Leerräume synthetisch zu füllen, aber keine systematischen Arzneimittelprüfungen durchgeführt? Bitte berichten Sie uns ausführlich darüber.

Dr. Jan Scholten: Es gibt mehrere Gründe dafür. Der erste ist, dass es sehr energie- und zeitraubend ist,  Arzneimittelprüfungen auf die klassische Art durchzuführen, wie es z.B. Sherr macht. Wenn ich so vorgegangen wäre, wäre mein Buch „Homöopathie und die Elemente“ heute noch lange nicht fertig.
  
Der zweite Grund ist, dass es so wissenschaftlicher ist, oder besser gesagt, es ist Wissenschaft auf einer höheren Ebene, auf dem Niveau der Klassifikation. Es fördert die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie, weil es Voraussagen über die Mittelbilder machen kann. Vorhersagen sind wichtig für die Wissenschaft.

Der dritte Grund ist, dass die Theorie der Elemente die Essenzen der Arzneimittel vorgibt; so wird man nicht durch Nebenschauplätze oder Falschinformationen abgelenkt, wie es häufig bei Arzneimittelprüfungen vorkommt.

Dr. Pawan S. Chandak: Wie haben Sie den Lebenskonflikt oder das Thema der verschiedenen Elemente, Serien und Stadien bestimmt? Handelt es sich um ein Destillat aus der verfügbaren Literatur oder eher um einen intuitiven Prozess?

 
Dr. Jan Scholten: Die Bestimmung der Essenz und der Themen von Heilmitteln, Elementen und Pflanzen ist ein Prozess. Er kann mit der Materia medica oder einer anderen Informationsquelle wie der Mythologie, der Phytotherapie, dem Namen oder der Substanz als solcher beginnen.

Dann kommen klinische Fälle hinzu, füllen das Bild aus und geben ihm Tiefe und Leben. Die Klassifikation bringt dies alles zusammen und verfeinert die Essenz. So erleichtert sie Vergleich und Differenzialdiagnose. Das Ganze wird durch die Logik vollendet, denn die Abfolge der Stadien folgt der Logik des Lebensprozesses. 

Dr. Pawan S. Chandak: Es gibt heute viele neue Arzneimittel, die noch nicht geprüft sind. Wie sehen Sie das Problem? Es wird ja viel über dieses Thema debattiert…

Dr. Jan Scholten: Es gibt viele Möglichkeiten, zu einem Arzneimittelbild zu gelangen. Die Arzneimittelprüfung ist ein möglicher Weg. Leider hat Hahnemann die Homöopathie auf diese eine Möglichkeit beschränkt, und dabei irrte er, wie ich in „Dogmatismus in der Homöopathie“ dargelegt habe. Mittelbilder können auch aus geheilten klinischen Fällen hergeleitet  werden, wie die Simileregel zeigt. Und sie können von den Klassifikationen abgeleitet werden, die ein grundlegender Aspekt aller Wissenschaften ist, wie ich in  „Homöopathie und die Elemente“ dargestellt habe.

Dr. Pawan S. Chandak: Da für Sie der Schwerpunkt auf dem geheilten Fall liegt, würde ich gern fragen - Wie beurteilen Sie auf lange Sicht, ob ein Mittel wirkt oder nicht?
Welche Kriterien bestimmen, ob ein Mittel oder eine Reihe von Mitteln den Patienten in Richtung Genesung bringen? Wann betrachten Sie einen Patienten als geheilt? Sagen Sie uns Ihre Meinung und weihen Sie uns in Ihre Arbeitsweise ein!

Dr. Jan Scholten: Die Evaluation von Fällen ist ein wesentliches Element der gesamten Homöopathie; Heilung verläuft nach dem „Heringschen Gesetz“.
Dies ist Ausdruck eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jedes lebende System versucht, sich von Krankheiten oder Problemen so weit als möglich zu befreien. Einer der einfachsten Heilungswege ist die Projektion, und dieser wird häufig von den Menschen gewählt und sogar von ganzen Gesellschaften gegangen. Der wichtigste Faktor ist für mich die Heilung des Geistes und der Seele. Wenn ein Patient Probleme lockerer angehen  kann und sich durch sie nicht mehr so betroffen fühlt, kann man sicher sein, dass er auf dem richtigen Weg ist und die Heilung vorangeht. Der Patient hat sich von seinem Problem befreit, er ist allgemein freier geworden.
Aber über „Heilung“ zu sprechen ist meiner Ansicht nach sowieso falsch. Die Menschen sind nicht krank oder gesund, es gibt keine Trennung in Kranke und Gesunde, selbst wenn es vom physischen Standpunkt, oberflächlich gesehen, so zu sein scheint.
Alle Leute befinden sich irgendwo auf einer Skala zwischen sehr krank bis sehr gesund. So können die Menschen nie vollkommen „geheilt“ werden; sie sind auf dem Weg zu mehr Gesundheit.

Dr. Pawan S. Chandak: Es gab in den letzten Jahren viele Meinungsverschiedenheit und Diskussionen über die korrekte Durchführung von Arzneimittelprüfungen. Es gibt Leute, die darauf bestehen, dass Arzneimittelprüfungen mit einer niedrigen (materiellen) Potenz beginnen sollten, und erst dann sollten höhere Stärken von besonders empfindsamen Prüfern geprüft werden. Andererseits gibt es aber auch wieder Leute, die empfehlen, sämtliche Prüfungen mit der 30C durchzuführen.
Welche Vorgehensweise ist nach Ihrer Meinung die richtige? Und wie unterscheiden Sie das Symptom eines Mittels ist vom „Geräusch“?

Dr. Jan Scholten: Ich habe das Thema „Arzneimittelprüfungen“ in „Theorie der Arzneimittelprüfungen“ besprochen.
 
 Dr. Pawan S. Chandak: Was meinen Sie zum Begriff des ‚Unvoreingenommenen Beobachters'? Wie wenden Sie dieses Konzept in Ihrer Praxis an, wie leiten Sie Ihre Studenten an?
 
Dr. Jan Scholten: Der 'Unvoreingenommene Beobachter' ist ein Ideal, das es nicht gibt, aber man muss versuchen, es zu erreichen. All die Charaktereigenschaften des Homöopathen stehen dem Versuch, ein 'Unvoreingenommener Beobachter' zu sein, entgegen. Sie werden mit eingebracht. Als Homöopath wird man in der Therapie mit seinen eigenen Charaktereigenschaften konfrontiert. Sie tauchen als Heilungs-Hindernisse auf, wenn wir versuchen, unseren Patienten zu helfen. So kann sich der Homöopath entwickeln und gesünder und unvoreingenommener werden, indem er seine Probleme in der Therapie ansieht. Das gehört zu den Reizen der homöopathischen Tätigkeit.

Dr. Pawan S. Chandak: Wie sollen die Studenten vorgehen, um Ihre Art der homöopathischen Arbeit zu erlernen? Welche Ratschläge geben Sie der jungen homöopathischen Generation?

Dr. Jan Scholten: Es ist ein Weg von Versuch und Irrtum, wie jedes Handwerk und jede Kunst. Übung macht den Meister. Ein wesentlicher Teil der Homöopathie ist der Wunsch und der Versuch, die Probleme der Patienten zu verstehen.
Wenn man weiß, warum ein Patient seine Pathologie geschaffen hat, hat man die Essenz des Falls gefunden. Und die Essenz ist der Anteil des Mittels, der in jedem Fall zu finden ist. Darauf kann man sich verlassen. Der Versuch, den Patienten zu verstehen, führt an die Wurzel des Problems und zum Wesenskern des Patienten. Das ist der Ort, wo die Pathologie entsteht. So führt dieser Weg zum Verständnis des Falles.

Dr. Pawan S. Chandak: Ich hoffe, wir werden Sie bald in Indien begrüßen dürfen. Jan, herzlichen Dank für Ihr Kommen, und dass Sie Ihre Zeit und Ihre Gedanken heute mit uns geteilt haben. Es war mir ein Vergnügen, diese Diskussion zu leiten, und ich hoffe, dass wir unsere Zusammenarbeit zugunsten unseres gemeinsamen Ziels, der Förderung der Homöopathie, fortsetzen können. Danke!

Dr. Jan Scholten: Ich hoffe, bald nach Indien kommen zu können!

(1) In den Paragraphen 100 – 102 seines Organon der Heilkunst beschreibt Hahnemann das Vorgehen bei Epidemien. Er empfiehlt zu schauen, welche Arzneien sich bei einer Epidemie bewähren und dann im Einzelfall auf eine dieser bewährten Indikationen hin zu verschreiben.

 

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