Träume in der Homöopathie

Wertvolle Helfer für die homöopathische Behandlung

Träume in der Homöopathie

von David Nortman

Träume

Träume - Francisco de Goya

Die homöopathische Behandlung beginnt mit einer sorgfältigen Anamnese, d.h. mit einer Befragung über alle Lebensumstände des Patienten. Während der Erstbefragung erkundigt sich der Homöopath routinemäßig nach Träumen (besonders Kindheitsträumen, unvergessliche Träume aus der Vergangenheit, wiederkehrende Träume und Albträume), weil es sich erwiesen hat, dass Träume in vielen Krankheitsfällen Richtung weisende Indikatoren sein  können.

Aber Träume gehören zu den umstrittensten, geheimnisvollsten und unobjektivsten Phänomenen! Warum werden sie in der Homöopathie dennoch als wertvolle Hinweise für Diagnose und Behandlung angesehen?
In diesem Artikel will ich verschiedene Möglichkeiten vorstellen, Träume in die homöopathische  Diagnostik mit einzubeziehen. Ihr wert liegt in ihrer Fähigkeit, den wahren inneren Zustand des Patienten zu enthüllen und einen Weg zur geeigneten Arzneiwahl aufzuzeigen. In einem Anschlussartikel werde ich weiterhin erklären, inwieweit Veränderungen in den Schlafgewohnheiten und im Traumprofil sensible Indikatoren für den Fortschritt des Heilungsprozesses sein können, wenn mit der Behandlung begonnen wurde.

Sind Träume Schäume - oder wertvolle Juwelen der Seele?

Eines der nachhaltigsten Geheimnisse des Lebens ist die Natur der Träume. Die Wissenschaft hat relativ wenig Ahnung von dem einzigartigen physiologischen Zustand, in dem wir uns im Schlaf und während des Träumens befinden, allein gelassen vom Verstand in einem verwirrenden Traumfeld, das wir des Nachts durchleben. Auf jeden Fall hat die Wissenschaft keine überzeugende Theorie anzubieten, die erklärt, warum wir an erster Stelle schlafen und träumen müssen, um normal zu funktionieren und am Leben zu bleiben (längerer Schlafentzug führt im Tierexperiment zu erschreckenden Folgen).
Der Trauminhalt wird heute meist als irrelevant oder als wissenschaftlichen Fragestellungen unzugänglich betrachtet. Zum Beispiel behauptet eine Theorie, dass Träume nur der Versuch unseres Geistes sind, die elektrischen Geräusche, welche von unserem Hirnstoffwechsel verursacht werden, mit Sinn zu füllen: Während diese Signale im Wachzustand über minimale Muskelkontraktionen körperliche ausagiert werden können, werden sie im weitgehend bewegungslosen Schlaf zu Gedanken umgeformt, welche dann das Traumerleben hervorbringen.

Doch jenseits aller Wissenschaft und Lebenserfahrung haben Menschen aller Kulturen routinemäßig ihre Träume interpretiert und ihnen oft Bedeutungen beigemessen, die es gar nicht gab. Psychologen und Okkultisten haben auf alle nur möglichen Arten versucht, in die Welt der Träume einzudringen und sie zu erforschen, in der Hoffnung, ihren Klienten Einsicht und Hilfe durch die richtige Interpretation ihrer Träume zu bieten.
Viele spirituelle Traditionen stimmen darin überein, dass unsere Seele während des Schlafs den Körper verlässt und sich in anderen Gefilden niederlässt, wo die physischen Gesetze keine Gültigkeit besitzen. In der modernen Welt werden Träume zurückhaltender, aber nicht unbedingt zutreffender als Fenster zum Unbewussten betrachtet – einem nicht vom Bewusstsein regulierten Bereich, der (wenn überhaupt) von den geheimnisvollen Gesetzen des Geistes regiert wird. 

Wie machen sich Homöopathen die Trauminhalte zunutze?

Der homöopathische Zugang zum Traum ist gradlinig: einerseits akzeptieren Homöopathen die vollkommenen Legitimität des Traummaterials (zusammen mit all den subjektiven Elementen, die der Patient berichtet), während sie andererseits bemüht sind, jede Trauminterpretation zu vermeiden.

Da sie anfällig ist für Irrtümer und Spekulationen, wird die Traum-Interpretation nicht als verlässliche Grundlage einer homöopathischen Diagnose angesehen, obwohl Träume ihren festen Platz im Heilungsdialog zwischen Patient und Homöopath haben. Stattdessen nutzen Homöopathen Träume auf zwei Arten:

(i)   als Symptome wie jedes andere homöopathische Symptom

(ii) Hinweis auf den wahren Zustand des Patienten.

Träume sind gewöhnliche homöopathische Symptome

Träume können als ordentliche homöopathische Symptome neben anderen in die Diagnose einbezogen werden, denn unter den körperlichen und seelischen Symptomen der Materia medica finden sich bei jedem Mittel Traum-Rubriken wie

  • Träume - Kinder
  • Träume - Hunde
  • Träume -Tanzen
  • Träume - Krieg

Außerdem Traumqualitäten wie:

  • Träume - obszön
  • Träume - angenehm
  • Träume – lebhaft

In Verbindung mit jeder dieser Kategorien sind die Mittel im homöopathischen Repertorium aufgelistet (Index der Symptome). Mit Hilfe einer anschaulichen Traumgeschichte kann der Homöopath beim Patienten die Verordnungsmöglichkeiten eingrenzen und seine Aufmerksamkeit auf eine kleinere Auswahl von Mitteln konzentrieren.
Der Sinn und Nutzen von Träumen als spezifische Aussagen wie andere mentale und subjektive Symptome ist unter klassischen Homöopathen allgemein akzeptiert.

Träume zeigen den wahren Zustand des Patienten an

Eine zweite wichtige Einsatzmöglichkeit von Trauminformationen ist das Auffinden und Verwerten mentaler Attribute, die aus dem unbearbeiteten Traum abgeleitet werden können. Dies erfolgt unter zwei Voraussetzungen: erstens: dass Träume in einem bedeutungsvollen Zusammenhang zum seelischen Zustand der Persönlichkeit stehen und zweitens, dass sie eine mindestens ebenso gute Beschreibung dieses Zustands darstellen wie nicht Traum gebundene Berichte.

Weil die meisten Leute sich ihres psychischen Zustands bzw. bestimmter Aspekte desselben nicht bewusst sind, äußern sich z.B. Ängste oder Wahnvorstellungen (irreale Vorstellungen seelisch Gesunder) oft ausschließlich auf dem Umweg über den Traum. Zum Beispiel können einer Patientin, die in ihren Träumen erschreckende Begegnungen mit Schlangen hatte, die Hinweise aus der entsprechenden Rubrik „Angst vor Schlangen“ helfen, während ein Patient, der regelmäßig von Verwicklungen in Kriegshandlungen träumt, von der Rubrik „Wahnvorstellung – er sei Soldat“ profitieren wird.

Die Umsetzung von Träumen muss fachkundig und vorsichtig geschehen, damit sie nicht in Spekulation ausartet. Es überrascht nicht, dass die Meinungen der Homöopathen über die Zulässigkeit der Verwendung von Träumen in dieser indirekten Form auseinander gehen. Diejenigen, die es wie ich als legitim ansehen, sich auf diese Weise in die Traumwelt ihrer Patienten hineinzuwagen, gewinnen mit Hilfe der Träume einen zuverlässigen Zugang zur Psyche: wenn sie richtig gehandhabt werden, offenbaren Träume einen klaren Blick auf die versteckte Dynamik, die das Leben des Patienten motiviert und führen somit oft zu einer entsprechend präzisen Diagnostik und Verordnung.

Das entscheidende Mittel, um diesen Zugang nicht zu missbrauchen, liegt darin, die Einflüsse aus der Traumwelt des Patienten in seine übrige Anamnese so zu integrieren, dass die Traumelemente durch andere Symptome untermauert werden.  

Weiterer Nutzen von Träumen

Träume können weiterhin als Zugang genutzt werden, um das psychologische Material ans Licht u fördern, dessen sich der Patient sich zwar bewusst ist, das er jedoch nicht preisgeben will oder kann.

Von ihren Traumberichten aus können die Patienten relativ leicht dazu gebracht werden, persönliche Dinge zu enthüllen, über die sie nur ungern sprechen oder die sie fälschlicherweise als unwichtig für das homöopathische Erstgespräch betrachten. Wenn der Homöopath den Traum ausschließlich in der Absicht nutzt, dem Patienten zu helfen, kann dieser Zugang keinerlei Nachteile bringen und im Gegenteil sogar bei unkooperativen Patienten eine präzise Diagnostik ermöglichen.

Schließlich können Träume auch die seelische Lage von Kindern offenbaren, die alt genug sind, ihre Träume zu erzählen, aber intellektuell noch nicht in der Lage sind, abstrakte Fragen zu ihrer psychischen Situation zu beantworten.

Träume sind wertvoll, weil sie Kompensations-mechanismen umgehen

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Hauptgrund für die diagnostische Bedeutung von Träumen darin liegt, dass vieles von dem, was der Patient bewusst berichtet, aus dem kompensierten Zustand heraus entsteht. Kompensation schließt jedoch eine Kanalisierung von gedanklichen und Verhaltensimpulsen ein, die sich ungünstig auf mögliche ergiebige und annehmbare Befragungsergebnisse auswirkt.

Solche Einschränkung und Kanalisierung des Verhaltens ist ein Hauptbestandteil jeder zivilisierten Gesellschaft, aber es erschwert die Arbeit des Homöopathen, eine korrekte Diagnose zu erstellen. Zum Beispiel kann ein Mensch, der seine gewalttätigen Impulse durch Tai Chi kompensiert und dessen friedliche, meditative Aspekte kultiviert, lang und breit über den Wert von innerer Ruhe und Vergebung reden. Wenn man ihn direkt zu seinen gewalttätigen Tendenzen befragt (z.B. wenn der Homöopath dies von seiner Ausstrahlung oder Erscheinung her vermutet), würde ein solcher Patient diese bestreiten. Wenn er jedoch von einem brutalen Traum berichtet, würde dadurch enthüllt, was hinter der friedvollen Fassade lauert.

In einem weiteren Artikel werde ich erläutern, wie sich Veränderungen im Schlaf- und Traumverhalten im Verlauf der Behandlung als sensible Indikatoren für den Heilungsprozess erweisen.

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Original-Artikel und weitere Informationen bei Homeopathy Zone

Original-Titel: Why Dreams Are Valuable in Homeopathic Diagnosis and Treatment by David Nortman

 



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