Heilung und die Vielfalt der Methoden

Heilung und die Vielfalt der Methoden

 
Von  Harald Knauss



©Havlena/PIXELIO

Als ich vor gut 25 Jahren neben meinem Musikstudium eine Ausbildung in klassischer Homöopathie begann, war es ein Kernsatz von Samuel Hahnemann, der mich auf diesen Weg brachte. Hahnemann sagt, daß Krankheit aus einer inneren Verstimmung des Menschen herrühre, ja eine solche geradezu die eigentliche Ursache für eine Krankheit sei. Das konnte ich als Musiker sofort verstehen. Ist ein Musiker mit seinen Gefühlen nicht im Lot, so hat er wesentlich mehr Aufwand sein Instrument richtig zu stimmen, als wenn er in einem Zustand des inneren Gleichgewichtes ist. Und so angesprochen, begann ich die Ausbildung bei einer klassischen Homöopathin, um herauszufinden, wie sich denn eine Stimmigkeit erreichen oder auch erhalten läßt. Es war eine spannende Zeit der Erfahrung, die mein Leben sehr bereichert hat. Musik wurde zu meinem Beruf, aber die Homöopathie war doch immer mit dabei.

 

In den letzten Jahren tauchte dieser oben erwähnte Kernsatz Hahnemanns wieder verstärkt in meinem Leben auf, wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Ich kam wieder mit der „Szene“ der Homöopathie in Kontakt und war erfreut, wie viele neue, kreative Farben die Homöopathie inzwischen bekommen hatte. Doch bald wich dieser Freude eine gewisse Beklemmung, als ich feststellte, wie manche Vertreter und Anhänger der unterschiedlichen Richtungen gegenseitig über sich  herziehen. Da herrschen erbitterte Grabenkämpfe, die mit allen Mitteln geführt werden. Da werden Verleumdungen gestreut oder einfach solche ohne Überprüfung nachgebetet. Die Welt der Gerüchteküche gibt es also auch in der Homöopathie. Gemeinsam scheint allen Richtungen manchmal wohl nur ein Feind zu sein: die Schulmedizin. Ansonsten aber regieren scheinbar erbitterte Fehden. Nun sollte es doch jedem ganz natürlich sein, daß es nicht nur eine Wahrheit in der Welt gibt und geben kann, - wenn bestimmte Kreise seit zweitausend Jahren sich auch bemühen, uns eine solche Sicht der Dinge einzuhämmern. Wer solche Einseitigkeit der Sicht verficht, lebt in einer Welt der Illusion.


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Nun, es gibt fast keinen Umstand, der uns mehr auf den Boden der Wirklichkeit zu bringen vermag als Krankheit; sei es die eigene Erkrankung oder auch der heilerische Umgang mit einer solchen. Liest man die Genesungsberichte vieler Menschen, so wird mehr als deutlich, daß es keinen Königsweg gibt und geben kann, sondern daß jeder Mensch seinen eigenen Weg der Heilung finden muß. Therapeuten und Heiler sind mögliche Begleiter auf einem solchen. So formulierte es wenigstens einer der ganz großen Vordenker ganzheitlichen Therapierens: Paracelsus. Es sei stets der „innere Arzt“, der die Heilung bewirke, nicht der äußere. Der äußere Arzt tritt lediglich dann hinzu, wenn der innere Arzt schwach ist und darniederliegt. Ihm gelte es aufzuhelfen, damit er seiner Arbeit, nämlich der Heilung wieder nachkommen könne.

 

Der Heilungswege gibt es viele. Manche davon mögen unserem Denken sogar absurd erscheinen. Ein Freund berichtete mir von einem Naturheiler, den er in Asien längere Zeit besucht hatte. Dieser umsprang und umtanzte seine Patienten mit einer Bambusstange, ähnlich einem Stabhochspringer. Seine Heilungserfolge waren nach dem Bericht des Freundes atemberaubend. Sage mir einer, das sei kein guter Weg der Heilung! Die Heilungswege sind so bunt wie die Völker, Kulturen und Menschen. Wir müssen doch stets zwei Dinge beim Heilen berücksichtigen: den Menschen „Heiler“ und sein Weg der Mittel und Techniken. Der Heiler ist in den ganzheitlichen Heilungswegen die zentrale Instanz, denn von seiner Ausstrahlung hängt eine Menge ab. Wer glaubt, daß allein das richtige Mittel heilt, - und sei es auch ein homöopathisches -, befindet sich in bester Übereinstimmung mit der Allopathie. Und allein das Wort „richtig“ gemahnt uns an die Unseligkeit, die der Kampf um den „richtigen Glauben“ in der Menschheitsgeschichte schon angerichtet hat. Hahnemann sprach von Schwingungen und Gestimmtsein, und ich bin sicher, er meinte damit auch den Therapeuten oder Heiler.

 


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Ich bin fest davon überzeugt, daß es eine Kraft ganz notwendig für jeden ganzheitlichen Heiler braucht: Demut. Demut angesichts der möglichen überwältigenden Stärke des Leidens und Demut auch angesichts der Größe, Weite und Wunderwirkung der Heilkraft. Wie sehr uns Krankheit Erdung und Demut lehrt, weiß jeder Heiler und Therapeut, der einmal selbst erkrankt war. Ich habe Heiler und Therapeuten kennen gelernt, die zeitlebens vehement gegen  die Schulmedizin predigten und bei der eigenen Krebserkrankung sich sofort in schulmedizinische Behandlung begaben.

Ein solcher Schritt ist auch vollkommen in Ordnung,  wenn ein Mensch in einer Notlage andere Entscheidungen fällt, als wenn er gesund ist oder heute anders entscheidet als noch vor zehn Jahren. Aber welch` ein Aufwand an Energie vorher, wie viele negative Emotionen, um gegen etwas anzukämpfen und welch` ein Verlust in diesem Fall an Selbstvertrauen, wenn man dann den „Feind“ um Hilfe bitten muß. Ich kenne auch den umgekehrten Fall von einem Arzt, der sich auf Krebserkrankungen und deren schulmedizinische Behandlung spezialisiert hat. Auf die Frage, was er tun würde, wenn er einmal selbst an dieser Krankheit leiden würde, antwortete er, daß ihn sein erster Gang wohl zu einem guten Geistheiler führen würde.

 
Die Welt ist voller Widersprüchlichkeiten und solche machen nun einmal das Leben aus. Leben ist Weg und bedeutet ewige Wandlung. Aus dem Gehen, - nicht aus dem Stehenbleiben-, erwächst der Sinn. So sagte es einst der chinesische Weise Lao Tse. Nur was ewig wandelt, bleibt lebendig. Wir müssen nicht persönlich mit allem gut können, müssen auch nicht alles gut heißen. Standpunkte sind wichtig im Leben. Aber ein echter Standpunkt muß sich nicht festigen, indem er alles andere vernichtet oder ablehnt. Ein echter Standpunkt äußert sich auch nicht durch schlechtes Benehmen. Ein echter Standpunkt resultiert aus einer inneren, geistigen Reife. Er ist das, was im Innen wirklich ist. Das strahlt er aus und dadurch kann er auch alles andere neben sich bestehen lassen. Wer sich innerlich selbst würdigt, läßt anderen auch die ihnen zustehende Würde angedeihen. Mancher Homöopath würde an dieser Stelle wohl sagen, jemand hat einen gesunden Standpunkt, wenn er in seiner inneren Mächtigkeit ist. Ohnmacht muß kämpfen, denn bei ihr geht es ums eigene Überleben. Ein echter Standpunkt zeichnet sich eben gerade dadurch aus, daß er stabil ist und trotzdem zu jederzeit mit dem Leben gehen kann, dass wandlungsfähig bleibt. Zu diesem Thema sei das wunderbare Buch „Hara“ von Karlfried Graf Dürckheim empfohlen.
 

Dinge sollen diskutiert werden. Wir können um Dinge ringen, damit gegenseitige Befruchtung und Entwicklung möglich wird. Aber die Überführung einer persönlichen Meinung oder Erkenntnis zu einem kristallinen, fanatischen Glaubens- und Wertesystem, an dem die Welt dann genesen soll, ist doch alles andere als heilsam und ganzheitlich. Ich finde da jeden traditionellen Schulmediziner akzeptabler, der gegen jegliche Naturheilkunde ist, denn er kann aus seinem Denken heraus nicht anders. Aber die meisten naturheilkundlich arbeitenden Therapeuten, zu denen auch viele der Homöopathen sich zurechnen, definieren sich und ihre Arbeit doch meist über spirituelle, ganzheitliche Ansätze. Da wundert es einen, welch rüder Umgangston da manchmal miteinander gepflegt wird. Gerne würde ich denen ein Wort von Hermann Hesse entgegenrufen: „Freunde, nicht diese Töne….“ Und damit wären wir wieder bei der Stimmigkeit. Wenn solche Disharmonien herrschen, dann herrscht nach Aussage Hahnemanns Krankheit. Ist die Homöopathie also krank?


Indien/Ganges
Vielleicht ist es gut, diese Frage einmal zu stellen. Vielleicht wäre es auch gut, anstatt der Diskussion von Theorien und Ansätzen einmal das Ganze zu betrachten, vom Denken und Wollen einmal zum Erleben überzugehen. Wie erleben wir uns selbst und wie erleben uns andere? Verhalten wir uns so, wie wir es auf unsere Fahnen schreiben? Sind wir selbst, persönlich, als Gruppe, als Verband so stimmig, ganzheitlich und spirituell, wie wir es gerne wähnen? Sind wir fähig, ganzheitlich miteinander umzugehen oder verhalten wir uns, wie es in vielen gewöhnlichen Vereinen oder Clubs üblich ist? Das sind in der Tat große Fragen, denen es sich auf dem Lebensweg immer wieder einmal zu stellen gilt. Es ist nicht leicht, sich an den eigenen Vorsätzen zu messen, vor allem wenn sie an so hohen Parametern wie z.B. ethisch, spirituell, kosmisch, ganzheitlich definiert werden.
 

Eine Zuhörerin fragte einmal den bekannten englischen Geistheiler Tom Johanson, wie man es anfangen solle, wenn man Geistheiler werden möchte. Er antwortete: „Zuerst heile den eigenen Geist, bevor du den anderer heilen möchtest“. Die Verblüffung der Zuhörerin läßt sich leicht vorstellen. Einem anderen Zuhörer antwortete er auf die Frage, was es braucht, um Heiler zu werden: Mitgefühl voller Hingabe („compassion“). Wieder ein anderer fragte, was es zuerst brauche für das Geistige Heilen? Tom Johanson antwortete: „Einen Patienten!“. Gerade der letzte Satz sollte uns als Heiler und Therapeuten aufwecken. Unser Beruf, der hoffentlich auch unsere Berufung ist, lebt davon, daß andere leiden, daß es ihnen schlecht geht. Stellen Sie sich vor, es gäbe das Wundermittel und alle Wesen wären völlig gesund? Wie sähe es mit der eigenen Berufung da aus? Für was sollten wir da streben und uns abmühen? War da vielleicht die Tradition der chinesischen Medizin nicht viel klüger, die forderte, daß der Arzt seine Bezahlung stets dann erhält, wenn seine Patienten gesund sind, er aber keinerlei Honorar für seine Tätigkeit bekommt, wenn sie krank bleiben. Ziel war die Gesunderhaltung, nicht die „Reparatur“. Vorausgesetzt natürlich, jeder Mensch tut das seinige zur eigenen Gesunderhaltung dazu und ist sich seiner Eigenverantwortung bewußt. Das wäre ja mal ein wahrer Paradigmenwechsel in der deutschen Gesundheitspolitik. Ich möchte Sie als Leser nicht ermüden mit solchen Ausflügen meines Denkens, aber ich möchte uns allen näherbringen, - und damit auch mir selbst -, was ist wirklich wichtig im heilerischen Dasein und wo gebe ich meine Kräfte ein? Verbrauchen wir die Kräfte um irgendwelche abstrakten Ideen, Lehrmeinungen und Theorien bis auf den letzten Blutstropfen zu verfechten? Verbrauchen wir unsere Kräfte zur steten Abgrenzung gegen das „andere“, vielleicht fremdartig anmutende? Verbrauchen wir die Kraft unserer Stimmigkeit, indem wir hadern mit anderen, vielleicht auch Neid auf ihren Erfolg haben und die Schatten füttern? Und wenn wir solches tun, können wir dann davon überzeugt sein, daß da Heilkraft und Licht von uns in die Welt ausströmt?

 

Ich erzählte mal einem mir befreundeten Arzt von jemanden, der dauernd kritisierte und nörgelte. Als er diesem Menschen dann persönlich begegnete, sagte er hinterher zu mir, es wundere ihn nicht, daß dieser Mensch so sei. „Schau dir an, welche Lebensfreude er in seiner Umgebung verbreitet!“, so war seine Wahrnehmung. Das was wir denken und fühlen, sind wir auch im Außen. Die Schwingung pflanzt sich fort. Welche Zeit- und Energieverschwendung also, wo es so viel Wichtigeres im Leben zu tun gibt, vor allem auf dem Heilungswege.

 


Morgenlicht

Es war mir ein innerliches Anliegen, meine Wahrnehmungen niederzuschreiben. Vielleicht gelingt es mir damit, zum Nachdenken anzuregen, in was wir unsere Energie eingeben. Die Herausforderungen der Zukunft werden nicht leichter und immer wieder gibt es Versuche bestimmter geldmächtiger Kreise, alles „natürliche Heilen“ verbieten zu lassen. Auch die heutigen Erkrankungen fordern vom Therapeuten immer mehr an Einsatz und Kraft. Wäre es da nicht besser, die Energien auf das Wesentliche zu lenken? Wir sollten Brücken schlagen und gemeinsam an dem gemeinsamen großen Werk arbeiten: eine tolerante Heilkunde und für die gleichberechtigte Vielfalt des Lebens. 

 

 

 




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